Seit 1993 besteht am Seminar für Volkskunde der Universität Göttingen ein Forschungsprojekt zu den soziokulturellen Grundlagen und politischen Formierungsprozessen der Revolution von 1848 in Deutschland.
Jürgen Nemitz: Datenvernetzung in einem historischen Forschungsprojekt
Seit 1993 besteht am Seminar für Volkskunde der Universität Göttingen ein Forschungsprojekt zu den soziokulturellen Grundlagen und politischen Formierungsprozessen der Revolution von 1848 in Deutschland. Im Sinne des mikrohistorischen Ansatzes wird dabei die soziale und politische Dynamik des Vormärz und der eigentlichen Revolutionszeit anhand einer exemplarischen, aber dafür besonders detaillierten Fallbeschreibung analysiert. (1) Untersuchungsgegenstand ist dabei die Wohnbevölkerung der württembergischen Stadt Esslingen während der Jahre von ca. 1840 bis 1850. Die Leitung des Projekts, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, liegt in Händen von Carola Lipp.
Zwei bis 1998 durchgeführte Projektphasen konzentrierten sich auf die Erforschung der Wechselwirkung von politischer Kultur und lokalem Milieu sowie von Wahlbeteiligung und Wahlabstinenz im Vormärz und während der Revolutionsphase selbst. Dies umfasste einerseits die Analyse des Zusammenhangs von sozialer und lokaler Nähe und politischer und gesellschaftlicher Aktivität unter besonderer Berücksichtigung der abgestuften Mobilisierungsbereitschaft verschiedener städtischer Bevölkerungsgruppen. Andererseits wurden das kommunale Wahlverhalten der Jahre von 1840 bis 1848 sowie die Teilnahme oder Stimmenthaltung bei der Wahl zur Nationalversammlung einer differenzierten Betrachtung unterzogen.(2)
Ein dritter Projektabschnitt, der seit 1999 in Kooperation zwischen dem Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen und der Universität Göttingen durchgeführt wird, gilt der Erforschung von Familienstrukturen im Kontext politischer und sozialer Aktivität. Dies bezieht sich sowohl auf 'klassische' demografische Fragestellungen (Heiratsverhalten, generatives Verhalten, Familiengrößen und anderes mehr) als auch auf das Endziel, den Einfluss von Verwandtschaftsbeziehungen und verwandschaftlichen Netzwerken im Kontext lokaler Substrukturen herauszuarbeiten.
2. Die Basisdatei
Datentechnische Grundlage des Forschungsprojekts ist ein umfangreiches Netzwerk von mehr als 130 miteinander verknüpften Personendatenbanken, das in seiner Gesamtheit die wesentlichen sozialen, politischen und demografischen Angaben zur Esslinger Bevölkerung um 1848 und während der Vormärzzeit enthält. Dabei repräsentiert jede einzelne Datenbank die Teilnehmer an einem politischen oder sozialen Ereignis, das sich in einer, zumeist listenartig strukturierten, historischen Quelle, wie etwa einer Unterschriftenliste unter eine Petition oder dem Mitgliederverzeichnis eines Vereins, manifestiert. Diese Quellen wurden entsprechend einer jeweils angemessen Datenbankstruktur erfasst und damit in maschinenlesbare Form überführt. Als zentrales Werkzeug der Datenverwaltung und -auswertung dient das Datenbankprogramm KLEIO (3) .
Einer Datenbank kommt innerhalb der Architektur des Datenbanknetzwerks eine Sonderstellung zu, weshalb sie projektintern als 'Basisdatei' bezeichnet wird. Sie bildet den zentralen Knotenpunkt des Netzwerks, an den die übrigen Datenbanken jeweils einzeln mittels personenbezogener Verknüpfungen angebunden werden. Im Gegensatz zu allen übrigen Datenbanken beruht die Basisdatei nicht nur auf einer einzigen historischen Quelle, sondern stellt eine inhaltliche Kompilation verschiedener listenartiger Verzeichnisse dar.
Im einzelnen sind dies:
ein gedrucktes Einwohnerverzeichnis von 1847,
ein gedrucktes Einwohnerverzeichnis von 1850,
die Wahlbenachrichtigung zur Wahl der Nationalversammlung von 1848,
die Mitgliederliste der Bürgerwehr von 1850,
das offizielle Bürgeraufnahmebuch der Stadt Esslingen, das die Neubürger von 1828 bis 1861 enthält,
das Bürgeraufnahmebuch der 13 Esslinger Filialen. Es handelt sich dabei um Ansiedlungen, die außerhalb der Kernstadt gelegen sind, aber politisch zur Stadtgemeinde gehörten,
das Wohnsteuerprotokoll, das jene Stadtbewohner mit selbstständigem Haushalt verzeichnet, die nicht das Esslinger Lokalbürgerrecht besaßen.
Entsprechend dem Informationsgehalt dieser Quellen enthält die Basisdatei fundamentale Daten zum rechtlichen und sozialen Status der darin enthaltenen Personen. Neben Familiennamen, Vornamen und Vornamenszusätzen gibt die Basisdatei Auskunft über:
Erwerb oder Verlust des Bürgerrechts. Dies betrifft sowohl die entsprechenden Daten als auch den jeweiligen Rechtsgrund.
Berufsangaben. Dies bezieht sich nicht nur auf die Art des Berufs, sondern auch auf den Zeitpunkt oder den Zeitraum, in dem der Beruf ausgeübt wurde. Bei Industriearbeitern kann in der Regel auch die jeweilige Fabrik ermittelt werden.
Angaben zum Wohnort in der Stadt. Durch Angabe von Straße und Hausnummer kann jeder Kernstadtbewohner topografisch exakt in seinem Wohnhaus verortet werden.
Die Angabe des Geburtsdatums im Bürgeraufnahmebuch und damit des Lebensalters zu einem bestimmten Stichjahr.
In einem Teil der Fälle Angaben zum Todesdatum.
Bei ortsabwesenden Bürgern, Zu- und Abwanderern können Angaben zum Aufenthalts-, Herkunfts- beziehungsweise Zuzugsort getroffen werden.
Eine Person erscheint jeweils dann in der Basisdatei, wenn sie in wenigstens einer der zugrunde liegenden Quellen belegt ist. Es versteht sich von selbst, dass die Mehrzahl der Personen in mehreren der angeführten Listen aufscheint. In diesen Fällen entspricht das jeweilige Personendokument in der Basisdatei damit einer Kompilation der verschiedenen Quellenbelege und -informationen zu dieser Person. Die Basisdatei kann daher auch als eine Metaquelle angesprochen werden, die aus der personenbezogenen Zusammenfassung mehrerer ähnlich strukturierter Listen hervorgegangen ist.
Dabei kann der Abgleich der unterschiedlichen Belege innerhalb der Basisdatei selbst bereits wichtige Informationen zur sozialen Statusveränderung einer Person geben. Es ist durchaus nicht selten, dass jemand etwa bei seiner Bürgeraufnahme 1831 oder aber in der Einwohnerliste von 1847 als Handwerker genannt wird, während er drei Jahre später im Adressbuch von 1850 als Fabrikarbeiter belegt ist. Ebenso lassen sich Veränderungen der Wohnadresse, also Formen der horizontalen Mobilität, nachweisen. Die Dynamik der frühindustrialisierten Esslinger Stadtgesellschaft, die sich in diesen Status- und Wohnortwechseln widerspiegelt, stellt ein durchaus zentrales technisches Problem dar, weil bei Datenbankauswertungen je nach Bezugsjahr auf unterschiedliche Berufs- und Wohnortangaben zugegriffen werden muss. Eine Auswertung zur Berufsstruktur einer bestimmten Personengruppe im Jahr 1846 muss sich sinnvollerweise jeweils auf denjenigen Berufsbeleg in einem Personendokument der Basisdatei beziehen, der zeitlich dem Stichjahr am nächsten liegt. Zur Lösung des Problems wurden eigene Informationsgruppen angelegt, in denen die Berufs- und Wohnangaben mit den jeweiligen Belegdaten gesondert verwaltet werden. Liegen mehrere Belegdaten für denselben Sachverhalt vor, so wurden diese in bewusster Interpretation zu Zeiträumen zusammengefasst. Als Endpunkt der Intervalle wurde regelmäßig der letzte Beleg oder die früheste Nennung einer Berufs- oder Wohnortveränderung angenommen. Eine spezielle Abfragefunktion erlaubt, bei berufs- oder lokalitätsbezogenen Auswertungen, jeweils auf diejenigen Angaben zuzugreifen, deren Belegdatum bzw. -intervall dem Bezugsjahr der Auswertung am ehesten entspricht. Das wiederum heißt, dass die Datenbank die sozialen Veränderungen der Esslinger Gesellschaft im Untersuchungszeitraum, so weit die Quellen hierüber Auskunft geben, nachvollziehen und flexibel wiedergeben kann.
Durch die zeitlich differenzierte Auswertung ergeben sich insbesondere bei Betrachtung der Berufsstruktur zum Teil deutliche Veränderungen. Unter den insgesamt 3485 männlichen Berufsangaben, die für die Zeit vor 1847 belegt sind, finden sich gerade einmal 81 Arbeiter in der Metallindustrie. Nach Eröffnung der Maschinenfabrik Esslingen im Jahr 1846 und deren Ausbau in den Folgejahren lassen sich dagegen unter den 2377 Berufsangaben derjenigen Männer, die ab dem Stichjahr 1847 als Neuzugänge (Personen, die erst ab 1847 in der Datenbank aufscheinen) oder Berufswechsler (Personen, die vor 1847 einen anderen Beruf ausübten) nachzuweisen sind, insgesamt 367 Belege für Metallarbeiter ermitteln. Davon wiederum können 284 Personen der Belegschaft der Maschinenfabrik zugerechnet werden. Weiterhin ist es zum Beispiel möglich die Gesamtbelegschaft der Deffnerschen Metallwarenfabrik zeitbezogen aus den Daten zu rekonstruieren.
Gegenwärtig umfasst die Basisdatei rund 6720 Dokumente. Diese 6720 Personen sind jedoch, um hier einem möglichen Missverständnis entgegenzutreten, nicht mit der Einwohnerzahl von Esslingen um 1848 gleichzusetzen. Bei den in der Basisdatei erfassten Personen handelt es sich entsprechend den zugrundeliegenden Quellen in der Regel nur um die jeweiligen Haushaltsvorstände. Daher enthält die Basisdatei nur vergleichsweise wenige Dokumente zu Frauen. Gegenwärtig sind dies 1291 Einträge, also nur rund 20 Prozent aller Personen. Davon wiederum sind alleine 513 nachweislich Witwen.
Überdies spiegelt die Basisdatei auch die Fluktuation der Bevölkerung wider, deren Zusammensetzung sich durch Bürgerneuaufnahmen, Zu- und Wegzug sowie durch Todesfälle naturgemäß laufend veränderte. Auswertungen auf Grundlage der Basisdatei müssen daher auch auf diese variable Grundgesamtheit so weit wie möglich Rücksicht nehmen.
3. Logische Umwelt (Thesauren)
Entsprechend dem Konzept der quellenorientierten Datenverarbeitung wurden alle originalen Informationen möglichst quellengetreu oder zumindest quellennah in die Datenbank übernommen. Bei Personennamen verbietet sich ohnehin jede Standardisierung, so dass identische Personen in den verschiedenen Datenbanken mit unterschiedlichen Varianten ihrer Familien- und Vornamen aufscheinen können. Bei Berufsangaben, Herkunfts- und Abwanderungsorten sowie anderen Daten wurden allenfalls geringfügige Standardisierungen vorgenommen. So erscheinen etwa Fabrikarbeiter regelmäßig mit der Abkürzung 'FABRARB', Weingärtner als 'WGTR'. Beide Kurzformen finden freilich auch in den Quellen selbst häufig Verwendung.
Die weitgehend quellengetreue Verwaltung der originalen Begrifflichkeiten impliziert einen großen Variantenreichtum des Datenmaterials. Um den heterogenen Wortschatz der Quellen einer wissenschaftlichen Auswertung nach festgelegten Kriterien und Kategorien zugänglich zu machen, wurde den Datenbanken eine Reihe von benutzerdefinierten Vereinbarungen zugeordnet, die einen systematischen Zugriff auf die Daten ermöglichen. Es wird den Daten damit nachträglich gleichsam eine Bibliothek mit gesonderten Hintergrundinformationen übergestülpt, die es dem Rechner ermöglicht auf das per se unsystematische Material dennoch systematisch zuzugreifen. Diese Definitionen werden unabhängig vom Inhalt der Datenbanken verwaltet. Damit bleiben die Originalangaben, wie sie den Quellen zu entnehmen sind, von den benutzerdefinierten Systematisierungen unberührt. Es ist dementsprechend jederzeit möglich die Definitionen und damit die Systematik der Auswertung flexibel zu verändern, ohne dass der originale Quellenbefund, das heißt der Inhalt der jeweiligen Datenbanken, davon betroffen ist.
Die größte Bedeutung kommt dabei der Kategorisierung der Berufsangaben zu, da die berufliche Tätigkeit einer Person zugleich als wesentlicher Indikator für deren sozialen Stellung angesehen werden kann. Eine sinnvolle Systematik der Berufsangaben muss daher nicht nur die Branchenzugehörigkeit (in unserem Fall Landwirtschaft, Handwerk, Industrie, Öffentlicher Dienst, Verkehr, Dienstboten, Freie Berufe, Militär) widerspiegeln, sondern zugleich auch die jeweilige Stellung einer Person in ihrer Branche deutlich machen. Ein 'Industriearbeiter' und ein 'Fabrikbesitzer' sind zwar beide in der 'Industrie' tätig, haben aber innerhalb ihrer Branchenzugehörigkeit 'Industrie' eine ausgesprochen unterschiedliche Position. Dabei kann es weiterhin notwendig sein, die Zugehörigkeit zum Sektor 'Industrie' gegebenenfalls weiter nach der Art der Industrie (Metall-, Holz-, Bauindustrie, Druckgewerbe, Textil-, Leder-, Nahrungsindustrie sowie Papierherstellung und chemische Betriebe) zu differenzieren. Um diese Vielschichtigkeit abzubilden, verwenden wir einen komplexen Berufsthesaurus mit einem siebenstelligen Code. Jede Stelle des Codes steht dabei für eine Subdifferenzierung. Dabei wird jeder Merkmalsausprägung, also jeder originalen Schreib- oder Ausdrucksvariante einer Berufsangabe, genau einmal ihr entsprechender Codewert zugewiesen, der dann auf alle Belege des Begriffs in den Datenbanken Anwendung findet. Bei einer Veränderung des Codes sind dementsprechend alle Belegstellen unabhängig von der Häufigkeit ihres Auftretens in den Datenbanken davon betroffen. Neben Einzelberufen können dabei auch Berufskombinationen kodiert werden, so dass ein Fabrikarbeiter, der einen Weinberg besitzt, je nach Betrachtungsweise als 'Fabrikarbeiter', 'Weingärtner' oder als 'Fabrikarbeiter mit Nebenerwerbslandwirtschaft' abgefragt werden kann. Der Berufsthesaurus hat mittlerweile einen Umfang von über 6000 Zeilen erreicht.
Neben dem Zugriff auf den gesamten siebenstelligen Codewert und der damit größten Differenziertheit der Abfrage ist es ebenso möglich nur einzelne Stellen des Thesaurus in die Betrachtung einzubeziehen, um so etwa nach allen qualifizierten Arbeitern in der Metallindustrie zu fragen. Die Datenbank erlaubt selbst den Zugriff auf einzelne Betriebe und deren Belegschaftsangehörige in ihren unterschiedlichen Funktionen. Es ist damit möglich zu zeigen, wie eine Petition durch die Abteilungen einer Fabrik läuft (Tuchmacherei, Schererei, Walkerei, Färberei, dann ins Kontor und von dort in die nächste Fabrik).
Neben dem Berufthesaurus bestehen derzeit analog weitere Definitionen für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, die sich wiederum aus der Berufszugehörigkeit erschließt, für Ortsangaben (Herkunfts- oder Wegzugsorte), für die Straßenangaben im Stadtgebiet, für die Wohnzugehörigkeit zu einem bestimmten Stadtviertel, für die politische Einstellung der Kandidaten in den Stadtratswahlen, für die Mobilisierungsbereitschaft zur Teilnahme an politischen Aktionen (Petitionen und Adressen), für Dispensationsgründe vom Dienst in der Bürgerwehr, für die Gebäudetypen im Stadtgebiet und anderes.
Neben den verschiedenen Thesaurusdefinitionen verwenden wir Verfahren zum Ausgleich von Schreibungsvarianten (soundex-Verfahren) bei Eigennamen, die insbesondere beim systematischen personenbezogenen Abgleich verschiedener Datenbanken zum Einsatz kommen.
4. Record-Linkage
Wie oben ausgeführt, legt die Basisdatei die Grundgesamtheit der Stadtbevölkerung (Haushaltsvorstände) fest, die im Hinblick auf ihr politisches und soziales Verhalten um 1848 untersucht wird. Sie stellt überdies den zentralen Ausgangs- oder Anknüpfungspunkt für die Einbindung einer Vielzahl weiterer Datenbanken dar, die jeweils über die Teilnahme an einem politischen oder sozialen Ereignis, über die Mitgliedschaft in einem Verein oder in einem politischen Gremium oder über die jeweilige Familienstruktur eines Haushalts Auskunft geben.
Technisch bedeutet dies, dass aus jeder Mitgliederliste eines Vereins, jeder Unterschriftenliste unter einer Petition oder Adresse, aus jedem Mitgliederverzeichnis in einem Komitee und aus anderen Daten mehr jeweils eine einzelne Datenbank erstellt wird, die als 'Standalone-Datenbank' voll funktionsfähig und abfragbar ist. Nun geben diese Datenbanken für sich alleine genommen freilich nur recht spärliche Informationen preis. In einer Unterschriftenliste unter einer Petition finden sich in der Regel kaum andere Angaben als der Name, vielleicht der Vorname und gelegentlich der Beruf des Unterzeichners. Es leuchtet ein, dass eine soziale Einordnung der betreffenden Personen oder gar etwa ihre Interaktion mit den Mitgliedern eines Vereins auf dieser Datengrundlage nicht untersucht werden können. Um das Problem zu lösen, werden daher alle Unterzeichner einer Petition, um bei diesem Beispiel zu bleiben, so weit wie möglich in der Basisdatei identifiziert.(4) Eine datentechnische Definition erlaubt dann die jeweiligen Personeneinträge in der Unterschriftenliste dauerhaft mit dem korrespondierenden Eintrag in der Basisdatei zu verbinden. Damit stehen für eine Auswertung der Unterschriftenliste nicht nur die Angaben aus dieser selbst, sondern eben auch aus der Basisdatei zu Verfügung. Das bedeutet beispielsweise, dass die Berufsstruktur einer Liste von Unterzeichnern auch dann untersucht werden kann, wenn die Petition selbst keine Berufsangaben enthält. Dieses Verfahren der personenorientierten Zusammenführung von Daten verschiedenen Ursprungs wird in der Literatur in der Regel mit dem Begriff des 'Record-linkage' bezeichnet.
Die Bedeutung dieses Verfahrens liegt auf der Hand, wenn man nur ein kleines, aber schlagendes Beispiel anführt: Im Februar 1848 unterzeichneten 104 Esslinger Männer eine Adresse an die württembergische Regierung, in der sie zentrale demokratische Forderungen nach einem gesamt-deutschen Parlament, nach Pressefreiheit und Volksbewaffnung erhoben. Fast alle Unterzeichner haben lediglich mit ihrem Namen unterschrieben. Nur in elf Fällen liegt im Original zur Unterscheidung namensgleicher Personen eine Berufsangabe vor. Es ist klar, dass eine soziale Analyse der Petenten auf Grundlage dieser spärlichen Angaben nicht erfolgen könnte. Gleichzeitig aber konnten alle 104 Unterzeichner jeweils in der Basisdatei identifiziert und mit ihrem dortigen Eintrag verbunden werden. In der Basisdatei wiederum findet sich zu allen 104 Personen jeweils eine Berufsangabe, zu 102 Personen eine Angabe zur Wohnung und immerhin zu 98 Personen ein Geburtsdatum. Das wiederum bedeutet, dass die Petition ohne weiteres nach Berufs- und Altersstruktur sowie topografischer Zuordnung der Unterzeichner ausgewertet werden kann.
Durch die Vernetzung der Datenbanken bestehen hier freilich noch viel weitergehende Möglichkeiten der Datenkombination. Da jede einzelne Datenbank des Netzwerks selbstständig mit der Basisdatei verbunden ist, können Übereinstimmungen oder Zusammenhänge zwischen verschiedenen sozialen und politischen Handlungen erforscht werden: Ist jemand, der 1848 die besagte Adresse an die Regierung unterschrieben hat, bereits bei früheren Eingaben hervorgetreten? Sind.die Unterzeichner bevorzugt Mitglieder in bestimmten Vereinen? Wird jemand überhaupt erst 1848 politisch aktiv oder hat er sich schon zuvor in lokalen Bürgerinitiativen engagiert?
Datentechnisch lassen sich die Fragestellungen beantworten, indem man in der Basisdatei eine Abfrage nach all denjenigen Personen ausführt, die eine Verbindung zur Datenbank mit der Adresse von 1848 aufweisen und zugleich mit einer Datenbank verbunden sind, welche die Mitgliedschaft in einem bestimmten Verein repräsentiert. Da sich hier sehr vielfältige Kombinations- und Auswertungsmöglichkeiten ergeben, verwenden wir zur komplexen Darstellung sozialer Beziehungen auch grafische Auswertungen, die auf einem Algorithmus beruhen, der von Lothar Krempel am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln entwickelt wurde. (5) Das Gesamtnetzwerk aller jeweils an die Basisdatei angebundenen Einzeldatenbanken umfasst mittlerweile:
27 Datenbanken zu verschiedenen Vereinen, unter anderen den Gesangsvereinen, dem Turnverein, Wohltätigkeitsverein, Rekrutenverein, Sparverein, Museumsverein.
Elf Datenbanken mit den Mitgliedern dezidiert politischer Organisation wie etwa dem demokratischen und dem konstitutionellen Verein..
Acht Datenbanken mit den Mitgliedern des Stadtrates und des Bürgerausschusses sowie der Oberamtsgeschworenen, jeweils nach Amtsperioden gegliedert..
15 Datenbanken mit Unterzeichnern politischer Adressen an den württembergischen König bzw. die württembergische Regierung sowie an die Nationalversammlung, darunter unter anderem die Adresse an die Regierung mit den März-Forderungen, eine konstitutionelle Vertrauensadresse, eine Adresse des demokratischen Vereins, eine Adresse der Handwerkerschaft zur Einführung von Schutzzöllen, eine Adresse der Weingärtner, eine Adresse der Katholiken an die Nationalversammlung, die auf die Beachtung der Religionsfreiheit abzielte, und anderes mehr..
Neun Mitgliederlisten zu zeitlich befristeten Komitees, so etwa das Komitee zur Durchführung eines Kinderfestes oder ein Komitee zur Gestaltung eines Umzugs anlässlich des Regierungsjubiläums des württembergischen Königs..
25 Datenbanken zu kommunalen Bürgerinitiativen, darunter etwa zu Fragen der Straßenbeleuchtung, der Anlage von Brunnen, der Errichtung von Dunglegen, eine Initiative gegen den Gestank der Mayerschen Fabrik, eine Initiative gegen das Ausschankverbot an Sonntagen und anderes mehr..
14 Datenbanken zur Esslinger Bürgerwehr, darunter Wahllisten der Offiziere, die Bürgergarde von 1847/48 und eine Gesamtaufnahme der Bürgerwehrpflichtigen von 1848 sowie Verzeichnisse von Angehörigen der Pompiercorps in zwei Fabriken..
Zehn Dateien zur Wahl für die verfassungrevidierende Landesversammlung sowie mit Vorschlagslisten für den Stadtrat und den Bürgerausschuss..
Elf Dateien zu den Wahlmännern für die Landtagswahl bzw. eine entsprechende Vorschlagliste..
Hinzu kommen zwei weitere Datenbanken von besonderer Bedeutung:
Der Esslinger Hauskataster.
Die Personen der Basisdatei sind auf zweifache Weise mit dem Kataster verbunden: zum einen in ihrer Eigenschaft als Hauseigentümer. Der Kataster gibt hierbei Auskunft über Art und Wert des Gebäudeeigentums, was als wichtiger sozialer Indikator gelten kann..Zum zweiten sind die Haushaltsvorstände in ihrer Eigenschaft als Hausbewohner mit dem Kataster verknüpft. Eine durchgehende Parzellennummerierung ermöglicht in Verbindung mit einem digitalisierten Stadtplan daher die Erstellung thematischer Karten, um die Verteilung sozialer Phänomene oder sozialer Beziehungen im Raum zu visualisieren. Zur Kartenerstellung bedienen wir uns spezieller kartografischer Software..
Eine umfangreiche Datenbank mit 12 Esslinger Stadtratswahlen von 1840 bis 1848. Sie enthält die Namen der Wähler und der von ihnen jeweils gewählten Stadtratskandidaten. Es handelt sich dabei um die größte aller Datenbanken des Projekts. Sie erschließt über 10 000 Wahlakte mit jeweiliger Angabe des Wählers. Jeder Wähler konnte entsprechend der Anzahl der freien Ratssitze pro Wahl mehrere Stimmen abgeben, so dass die Datenbank über 44 000 Kandidatennennungen umfasst. Dabei befolgte man das Prinzip der offenen Wahl. Das heißt, der Wähler deklarierte vor einem vereidigten Schreiber, wen er in den Stadtrat zu wählen wünschte. Der Schreiber wiederum notierte jeweils den Wähler und die von diesem vorgeschlagenen Kandidaten. Damit ist es möglich das Wahlverhalten jedes einzelnen Wählers gegebenenfalls über mehrere Jahre zu verfolgen. Durch die Verbindung der Kandidaten mit der Basisdatei und von dort wiederum in weitere Datenbanken kann jeder Kandidat exakt im Netzwerk seiner politischen und sozialen Aktivitäten und damit in seiner politischen Grundhaltung verortet werden. Entsprechend der Häufigkeit der Kandidatennennung (das heißt Stimmabgaben für einen Kandidaten) kann eine Person in der Basisdatei durchaus mehrere hundert oder gar deutlich über tausend Verknüpfungen mit den entsprechenden Einträgen in der Wahldatei haben. Da neben den Kandidaten auch die Wähler mit der Basisdatei verbunden sind, ist es möglich das Wahlverhalten bzw. die Wahlentscheidung im Hinblick auf soziale Übereinstimmungen zwischen Wähler und Kandidat zu analysieren: Gehörten Wähler und Kandidat derselben Berufgruppe an, waren sie Mitglieder in denselben Vereinen, haben sie früher bereits gemeinsam eine Petition unterschrieben und anderes mehr?.
In der gegenwärtigen Projektphase stehen die Zusammenhänge zwischen Familien- und Verwandtschaftsverhältnissen und soziopolitischem Verhalten im Zentrum des Interesses. Entsprechend geht es darum einerseits zu erforschen, ob und gegebenenfalls in welchem Maße verwandtschaftliche Beziehungen oder gar Netzwerke soziales und politisches Verhalten beeinflusst haben. Zum anderen wird umgekehrt die Frage zu stellen sein, ob die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen oder politischen Lagern sich in unterschiedlichem generativen beziehungsweise reproduktiven Verhalten manifestiert. Um diese Problemstellungen bewältigen zu können, bedient sich das Projekt einer komplexen, aber sehr aussagekräftigen Quelle, nämlich der württembergischen Familienregister, die für die evangelische, die katholische und die jüdische Gemeinde Esslingens vorliegen. Bei den Familienregistern handelt es sich um eine Quellengattung, die auf Grundlage königlich-württembergischer Gesetzgebung entstanden ist. Auf der Basis von Kirchenbüchern wurden seit 1808 Familientafeln angelegt. Diese umfassten zum einen jene Ehen, die seit dem Stichjahr neu geschlossen wurden, zum anderen Familien, die vor 1808 begründet worden waren, sofern einer der Ehepartner zum Stichjahr noch am Leben war.(6) Die Familienregister geben Auskunft über Namen, Beruf, Geburts- und Sterbedatum sowie Herkunft des Haushaltsvorstandes, über das Datum der Eheschließung, über den Namen, das Geburts- und Sterbedatum sowie die Herkunft der Ehefrau und über Anzahl, Geburtsdaten und Namen der Kinder. Hatte ein Haushaltsvorstand mehrmals geheiratet, so werden die Ehefrauen und die Kinder jeweils exakt den einzelnen Ehen zugeordnet. Weiterhin finden sich in den Familienregistern die jeweiligen Namen, Herkunftsorte und Berufsangaben der Eltern von Ehemann und Ehefrau sowie bisweilen Angaben zur Verheiratung der Kinder und sogar der.bisweilen Angaben zur Verheiratung der Kinder und sogar der Kindeskinder. Man hat also Angaben zu wenigstens drei Generationen auf einem Blatt vereint. Jedes dieser Blätter entspricht damit weitgehend einer Familienrekonstitution über drei Generationen. Daraus ergibt sich auch eine große zeitliche Spannweite der Daten, da die frühesten Ehen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts vorliegen, während die letzten Angaben zur Weiterverheiratung von Kindern oder (in Einzelfällen) Kindeskindern bis in das 20. Jahrhundert reichen. Alleine die Berufsangaben in den Familienregistern machen den enormen gesellschaftlichen und technischen Wandel des Zeitraums deutlich. Es findet sich im selben Datensatz ein Nachrichter (= Scharfrichter bzw. Henker), der als Haushaltsvorstand einer 1769 geschlossenen Ehe erscheint, neben einem Elektromonteur, der 1893 als Ehepartner eines Kindes auftritt, das seinerseits aus einer 1855 geschlossenen Ehe eines Schuhmachers hervorgegangen ist. Wer sich je die Mühe gemacht hat aus Kirchenbucheinträgen auch nur wenige Kleinfamilien vollständig zusammenzustellen, der wird den herausragenden Quellenwert der Familienregister für demografische Fragestellungen überaus zu schätzen wissen.
Im Übrigen eignet sich das Datenbankprogramm KLEIO vorzüglich zur Aufnahme und Verwaltung dieser Daten, weil das hierarchische Datenmodell von KLEIO der originalen Struktur der Quelle sehr entgegenkommt, so dass man eine Datenbank erstellen kann, die die vielschichtige originale Aussagekraft ohne umständliche technische Verrenkungen beibehält. Die Zuordnung der Ehefrauen und Kinder zu jeweils verschiedenen Ehen kann problemlos und flexibel in die Datenbank übernommen werden.
Wenngleich also Quellenlage und Datenbanktechnik günstig erscheinen, bedeutet die systematische Erschließung der Familienregister dennoch einen erheblichen Aufwand. Zum einen müssen die Haushaltsvorstände in den Familienregistern mit den zugehörigen Einträgen in der Basisdatei verbunden werden. Dabei lässt sich nicht für jeden Personeneintrag in der Basisdatei ein korrespondierender Eintrag im Familienregister identifizieren, da dieses nur die in Esslingen geschlossenen Ehen enthält, weshalb Zuzügler logischerweise durch das Raster fallen. Im Hinblick auf die Erforschung von Verwandtschaft lässt sich dies aber verschmerzen, da zugezogene Personen naturgemäß nur in Ausnahmefällen in ein städtisches Verwandtschaftsnetzwerk eingebunden gewesen sein sollten.
Die Familienregisterdatenbank umfasst, wenn man nur die überwiegende Mehrheit der evangelischen Familien in Betracht zieht, gegenwärtig 3835 Dokumente. Jedes Dokument entspricht einem männlichen Haushaltsvorstand. Von diesen 3835 Männern konnten bisher 2402 in der Basisdatei identifiziert werden. Bei den übrigen Familienvorständen handelt es sich entweder um fortgezogene Personen oder vor allem um Personen, die deutlich vor 1848 verstorben sind und damit nicht in der Basisdatei aufscheinen und folglich auch nicht mit dieser verknüpft werden können. Überdies enthält die Familienregisterdatenbank im Moment nur Einträge zu Bewohnern der Kernstadt. Die Register der Filialen werden gegenwärtig noch eingegeben, so dass sich die Verknüpfungsquote zwischen Basisdatei und Familienregister noch einmal deutlich erhöhen wird.
Durch die Verbindung der Familienregister mit der Basisdatei können klassische demografische Problemstellungen beantwortet werden, wie etwa die Frage nach dem Heiratsalter in bestimmten sozialen Gruppen oder dem Zusammenhang zwischen sozialem Status und generativem Verhalten. Die Basisdatei wiederum ist ihrerseits mit den oben aufgeführten Einzeldatenbanken verknüpft, die jeweils einzelne politische und soziale Ereignisse abbilden. Damit ist es möglich die demografischen Daten aus den Familienregistern in unmittelbarem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und politischen Aktivitäten der jeweiligen Personen auszuwerten und zu interpretieren.
Im Zentrum des Interesses steht jedoch der ambitionierte Versuch das gesamte nachweisbare Bündel sozialer und politischer Aktivität im Hinblick auf die Verwandtschaftsverhältnisse in der Esslinger Stadtgesellschaft zu untersuchen. Hierzu bedarf es weiterer, zum Teil komplexer Verknüpfungen in der Datenbank: Jeder Haushaltsvorstand und jede Ehefrau waren selbst einmal Kind. Das heißt, dass sie außer in ihrem eigenen Familiendokument noch einmal in ihrer Eigenschaft als Kind in jeweils einem anderen Dokument aufscheinen können, in dem wiederum die jeweiligen Eltern als Haushaltsvorstand bzw. Ehefrau genannt sind. Eine Verknüpfung zwischen dem Eintrag als Haushaltsvorstand bzw. Ehefrau mit dem jeweiligen Eintrag als Kind im Elterndokument eröffnet weitergehende Auswertungsmöglichkeiten: Im Elterndokument finden sich nicht nur die Eltern selbst, sondern auch deren Eltern, die damit im Bezug auf die Kinder die Großeltern sind. Die Familienrekonstitution dehnt sich damit auf vier Generationen aus: die Großeltern, die Eltern und die Kinder jeweils im Elterndokument, dann wiederum dieselben Kinder in ihrer Eigenschaft als spätere eigene Haushaltsvorstände bzw. Ehefrauen in den entsprechenden Dokumenten und dort wiederum deren Kinder als vierte Generation. Nicht zuletzt finden sich in den Elterndokumenten auch die übrigen Kinder der betreffenden Familie, die damit wiederum die Geschwister der jeweiligen Ehemänner oder Ehefrauen des Ausgangsdokuments sind. Die Geschwister wiederum können vice versa ihrerseits in einem anderen Dokument als Haushaltsvorstände oder Ehefrauen genannt sein. Wenn diese Identifizierungen und Verknüpfung erstellt sind, so lassen sich auf dem Umweg über den Kindereintrag im Elterndokument diejenigen Dokumente ermitteln, in denen die Geschwister der Haushaltsvorstände ebenfalls als Haushaltsvorstände aufscheinen. Dort wiederum finden sich die Ehepartner der Geschwister, also die Schwägerinnen und Schwäger ebenso wie die Schwiegereltern oder die Kinder der Geschwister, also die Neffen und Nichten.
Zur Realisierung entsprechender Abfragemöglichkeiten wurde die Familienregisterdatenbank mit sich selbst verknüpft. Es ist auf diese Weise gelungen bisher 1566 der 3836 Haushaltsvorstände eindeutig als Kinder im Dokument ihrer Eltern zu identifizieren. Von den 4957 Ehefrauen konnten 1485 sicher als Kinder identifiziert werden. Die Quote liegt hier naturgemäß niedriger, weil viele Ehefrauen von außerhalb nach Esslingen geheiratet haben, so dass sie nicht in den Esslinger Registern als Kinder aufscheinen. Auf der Basis dieser Verbindungen lassen sich dann Verwandtschaftsbeziehungen errechnen.
Durch die Angabe der Eltern (Vorname des Vaters und Mädchenname der Mutter) können überdies Personen auch dann mit plausibler Wahrscheinlichkeit als Geschwister identifiziert werden, wenn sie jeweils nur als Haushaltsvorstand bzw. Ehefrau aufscheinen, aber kein eigentliches Elterndokument vorliegt. Dies ist regelmäßig bei Geschwistern der Fall, die nach Esslingen zugezogen sind, so dass sich die Eheschließung der Eltern im Familienregister des Herkunftsortes befindet. Die Arbeiten an dieser weitergehenden Verknüpfung sind noch nicht abgeschlossen. Es zeichnet sich aber jetzt bereits ab, dass das Netzwerk identifizierter Verwandtschaftsbeziehungen auf diesem Wege noch einmal eine merkliche Verdichtung erfahren wird.
Durch die permanente Verknüpfung des Familienregisters mit der Basisdatei wiederum ist es möglich die Verwandtschaftsverhältnisse der dort enthaltenen Personen abzuklären, so weit diese im Familienregister aufscheinen. Die Basisdatei ist als Zentraldatenbank des Datenbanknetzwerks, wie vorher dargelegt, mit den angeführten rund 130 Einzeldatenbanken verbunden, die soziale oder politische Aktivitäten widerspiegeln. Das aber bedeutet, dass diese Formen sozialen Handelns damit auch im Hinblick auf ihre Einbindung in Verwandtschaftsbeziehungen untersucht werden können. Es ist damit möglich zu fragen, ob Brüder oder Schwäger oder Väter und Söhne gemeinsam einem Verein angehörten, eine Petition unterzeichneten oder eine Adresse unterstützten.
Ein Beispiel kann dies verdeutlichen (vgl. Abbildung): Gesucht seien Brüder im bürgerlichen Gesangsverein (VBGS). In der Datenbank VBGS findet sich ein Vereinsmitglied 'Wilhelm Storz' (Dokument vbgs-073). Diese Person ist mit dem Dokument 'DOK802213' in der Basisdatei (Basdat) verbunden. Von der Basisdatei aus wiederum besteht ein Verweis auf den Familienregistereintrag 'FRE-59-245', in dem Storz in seiner Eigenschaft als Familienvorstand unter dem Namen 'Johann Wilhelm Storz' aufscheint. Von diesem Dokument gibt es eine Verbindung zum Familienregistereintrag 'FRE-58-504', in dem derselbe Storz als sechstes Kind des Bierbrauers Johann Georg Anton Storz genannt wird. Im selben Dokument wird als zehntes Kind ein 'August Ferdinand Storz' aufgeführt, der folglich ein jüngerer Bruder des Johann Wilhelm ist. Dieser August Ferdinand hat seinerseits später eine Familie gegründet und erscheint im Dokument 'FRE-58-276' dementsprechend als Haushaltsvorstand. Dieses Dokument verweist auf den Eintrag 'DOK050832' in der Basisdatei. Von dort aus besteht eine Verbindung zu Dokument vbgs-121 im bürgerlichen Gesangsverein.
Mittels maschineller Abarbeitung dieser Verbindungen lässt sich also auf Grundlage der Datenverknüpfung errechnen, dass es sich bei den Gesangsvereinsmitgliedern Wilhelm und August Storz um Brüder handelt. Nach demselben Prinzip können auch andere Grade der Verwandtschaft ermittelt werden. Damit ergibt sich die Möglichkeit die in der Datenbank enthaltenen sozialen und politischen Aktivitäten systematisch nach verwandtschaftlichen Bindungen der Handlungsträger zu untersuchen.
Für die Erforschung gesellschaftlicher Prozesse im Vorfeld und Verlauf der Revolution von 1848 wird sich damit eine neue inhaltliche Perspektive eröffnen.
Anmerkungen
(1) Unter 'Mikrohistorie' versteht man den Ansatz und den Anspruch den Verlauf 'großer' und allgemeiner historischer Prozesse auf der Grundlage kleiner und damit überschaubarer Entitäten zu beschreiben. Vgl. hierzu zusammenfassend u.a.: Jürgen Schlumbohm (Hg.): Mikrogeschichte - Makrogeschichte. Komplementär oder inkommensurabel? (= Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft 7), 2 Göttingen 2000.
(2) Carola Lipp: Symbolic dimensions of serial sources. Hermeneutical problems of reconstructing political biographies based on computerized record linkage, in: Historical Social Research. Historische Sozialforschung 15 (1990), S. 30-40. Carola Lipp: Zum Zusammenhang von lokaler Politik, Vereinswesen und Petitionsbewegung in der Revolution 1848/49. Eine Mikrostudie zu politischen Netzwerken und Formen der Massenmobilisierung in der politischen Kultur der Revolutionsjahre, in: Esslinger Studien 36 (1997), S. 211-269. Carola Lipp: Culture et mobilisation politiques en période de révolution. L`exemple du mouvement petitionnaire d`Esslingen de 1848/49, in: Revue d`histoire du XIXe siècle. Themenheft: 1848 - Nouveaux regards, Jg. 1997, H. 2, S. 49-65. Carola Lipp: Politischer Aktivismus und Abstinenz. Der Einfluß kommunalpolitischer Erfahrung und lebensweltlicher Strukturen auf die politische Partizipation in der Revolution 1848/49, in: Christian Jansen/Thomas Mergel (Hgg.): Die Revolutionen von 1848/49. Erfahrungen und Verarbeitungen, Göttingen 1998, S. 97-126. Carola Lipp: Gustav Adolf Rieckes Tagebuch auf dem verfassungsrevidierenden Landtag 1849. Ein historisches Fundstück und Dokument zur Endphase der Revolution in Württemberg, in: Esslinger Studien 37 (1998), S. 221-252. Carola Lipp: Zur sozialen Reproduktion des Honoratiorensystems in den offenen Wahlen des Vormärz, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichte, Jg. 9 (1998), S. 496-524. Carola Lipp: Politische Kultur, generatives Verhalten und Verwandtschaft, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichte, Jg. 9 (1998), S. 576-582..Verwandtschaft, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichte, Jg. 9 (1998), S. 576-582. Carola Lipp: Frauen in der Revolution 1848/49 zwischen demokratischem Aufbruch und nationaler Begeisterung, in: Hessisches Ministerium/Hessische Akademie der Forschung und Planung im ländlichen Raum (Hg.): Aspekte der Revolution 1848. Symposion zum Förderpreis für Hessische Heimatgeschichte, Wiesbaden/Kassel 1999, S. 23-32. Carola Lipp: 1848/49 - Emotionale Erhebung und neue Geschlechterbeziehung? In: Johanna Ludwig, Ilse Nagelschmidt, Susanne Schötz (Hgg.): Frauen in der bürgerlichen Revolution 1848/49, Leipzig 1999, S. 55 bis 67.
(3) Zur Systemdokumentation vgl. Manfred Thaller: KLEIO. A Database System (= Halbgraue Reihe zur Historischen Fachinformatik, Serie B, Band 11), St. Katharinen 1993. Eine aktualisierte Systembeschreibung ist in Vorbereitung.
(4) Hierbei leistet das Datenbankprogramm eine wichtige Hilfsfunktion, da durch den Abgleich verschiedener Datenbanken potentiell identische Personen ermittelt werden können. Die definitive Entscheidung, ob zwei Verknüpfungsvorschläge tatsächlich als identische Person anzusehen sind, obliegt aber den Bearbeitern.
(5) Lothar Krempel: Visualizing Networks with Spring Embedders: Two-mode and Valued Data, in: American Statistical Association (Hg.): Proceedings of the Section of Statistical Graphics, Alexandria 1999, S. 36-45.
(6) In Einzelfällen finden sich auch Ehen, in den Mann und Frau bereits vor 1808 verstorben sind.