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Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde, wie fast überall im östlichen Europa, auch die deutschsprachige Bevölkerung der Tschechoslowakei zum größten Teil aus ihrem Siedlungsgebiet vertrieben...

Klaus Mohr: Die Inventarisierung sudetendeutscher Heimatsammlungen

 Das Projekt

Träger des Projektes ist das Sudetendeutsche Archiv in München, mit Unterstützung durch die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern.
Zur begrifflichen Klarstellung sei vorab das Dokumentationsgebiet der sudetendeutschen Heimatsammlungen erklärt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde, wie fast überall im östlichen Europa, auch die deutschsprachige Bevölkerung der Tschechoslowakei zum größten Teil aus ihrem Siedlungsgebiet vertrieben. Grob gesagt, bezeichnet man die früheren deutschsprachigen Bewohner der Slowakei als Karpatendeutsche und die aus dem Gebiet des heutigen Tschechienals Sudetendeutsche. Die Sudetendeutschen lebten also auf dem Gebiet der ehemaligen böhmischen Kronländer Böhmen, Mähren und Schlesien, und zwar vor allem in den gebirgigen Randgebieten, in einigen geschlossenen Sprachinseln und als Minderheiten in den größeren tschechischen Städten, wie Prag oder Pilsen. Dieses Gebiet werde ich im Folgenden der Einfachheit halber ,Sudetenland´ nennen.
Der größte Teil der Sudetendeutschen, die die Vertreibung überlebt hatten, gelangte nach Westdeutschland, und davon wiederum die meisten nach Bayern. Schon wenige Jahre, nachdem die schlimmsten Anfangsschwierigkeiten bewältigt waren, wurden die ersten Heimatsammlungen begründet.
Diese Heimatsammlungen beziehen sich in den allermeisten Fällen nicht auf das gesamte ,Sudetenland´. Sie beschränken sich stattdessen meist auf eine ehemalige Gemeinde oder eine begrenzte Region, wie etwa den Böhmerwald oder das Riesengebirge. Ihre genaue Anzahl ist nirgends dokumentiert, doch gibt es schätzungsweise um die 100 derartige Sammlungen.(1) Getragen und besucht werden sie meist von ehemaligen Bewohnern des Sammelgebietes. Diese wohnen heute meist gar nicht am Ort der Heimatsammlung, sondern leben in der Regel über ganz Deutschland, oder auch noch weiter, verstreut. Manchmal sind die Heimatsammlungen auch in ein städtisches Museum integriert. Die Heimatsammlungen bilden in den meisten Fällen ein ganz typisches Gemenge mit Beständen aus den sonst getrennten Institutionen Archiv, Bibliothek und Museum. Daher, und aus der Tatsache, dass sie auch heute noch als Treffpunkt und Kommunikationsraum dienen, stammt auch die häufig geführte Bezeichnung ,Heimatstube´.
Aus diesen beiden Besonderheiten, nämlich den meist ortsabwesenden Betreuern und dem diffusen Sammlungsbestand, ergeben sich auch für die Inventarisierung ganz besondere Probleme. Der museale Bestand in den Heimatsammlungen ist in etwa dem eines Stadt- oder Heimatmuseums vergleichbar. Das heißt, es handelt sich nicht um eine Spezialsammlung zu einem bestimmten Sachbereich, sondern es wird ein sehr breites Spektrum abgedeckt: Möbel und Hausrat, Werkzeug und Kleidung, Volksfrömmigkeit und Brauchtum, Kunstwerke, Andenken usw. Eine Besonderheit liegt aber darin, dass diese Bestände noch viel weniger repräsentativ für ihr Dokumentationsgebiet sind als die Objekte in einem ,normalen´ kulturgeschichtlichen Museum. Denn es können hier ja nur solche Dinge ausgestellt werden, die bei der Vertreibung mitgenommen werden konnten und die die harten Zeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit überdauert haben.
Andererseits finden sich hier oft Objekte, die ein herkömmliches Museum kaum für sammlungswürdig gehalten hätte. Dabei kann es sich um eine abgewetzte, ramponierte Kiste handeln, in der die gesamte Habe eines Flüchtlings transportiert wurde. Der historische Wert auch so einer Kiste zeigt sich aber, wenn bei der Inventarisierung die Zeitzeugen ihr Wissen einbringen und so die Odyssee, die Kiste und Besitzer hinter sich gebracht haben, aufzeigen.
Typische Objekte sind auch die ersten in den Aufnahmelagern aus Konservendosen oder aus Schrott gebastelten Kochgeschirre. Scheinbar wertlose Objekte, aber eben Gegenstände, die für die Bewältigung des damaligen Lebens vermutlich wichtiger waren, als Gemälde oder Skulpturen. Letzteres findet sich zwar in den Heimatsammlungen auch, aber eben in sehr geringerem Umfang und in sehr unterschiedlicher Qualität. Kurz gesagt, in den Heimatsammlungen finden sich zahlreiche hoch interessante materielle Zeugnisse der Kultur und Zeitgeschichte.
Einen Sonderfall bildet die museale Sammlung des Sudetendeutschen Archivs in München. Denn hier wird einerseits Material aus dem gesamten Gebiet des Sudetenlandes gesammelt, andererseits gibt es hier noch keine Schausammlung, sondern nur ein Depot. Hier werden auch Nachlässe sudetendeutscher Künstler aus der Nachkriegszeit gesammelt. Diese Sammlung soll den Grundstock bilden für ein künftiges Sudetendeutsches Museum, das dann nicht nur Heimatsammlung sein soll, sondern auch ein modernes zeitgeschichtliches Dokumentationszentrum. Ziel des Projektes ist also erstens die Schaffung eines Zentralkatalogs der Bestände aller Heimatsammlungen und zweitens die Erstellung eines Konzepts für das künftige Zentralmuseum.

 Durchführung

Der erste Teil der Aufgabenstellung ist beängstigend. Denn wenn eine Heimatsammlung im Durchschnitt nur 500 museale Objekte aufwiese, dann ergibt sich bei 100 Sammlungen schon ein Objektbestand von 50000. Diese Aufgabe ist im Rahmen eines auf zweieinhalb Jahre angesetzten Projekts von einem Bearbeiter alleine nicht zu bewältigen. Denn es sind ja jedesmal auch lange Vorgespräche, Reisezeiten etc. erforderlich. Deshalb wurden Schwerpunkte gesetzt: oDer eine Schwerpunkt liegt bei der Bearbeitung des Bestandes des zentralen Sudetendeutschen Archivs mit seinen geschätzten 5000 Objekten. Die dezentralen Sammlungen müssen unterschiedlich behandelt werden.
  • Die wenigen sudetendeutschen Museen, die über hauptberufliches Personal verfügen, wie das Egerlandmuseum in Marktredwitz, werden in das Projekt nur insofern einbezogen, als ihre selbst erstellten Inventare einmal dem angestrebten Zentralkatalog angefügt werden.
  • Einzelne Heimatsammlungen werden von mir selbst inventarisiert, wenn sie dieses wünschen.
  • Und die vorläufig größte Gruppe wird vorerst nur in der Form erfasst, dass die bereits vorliegenden hand- oder maschinenschriftlichen Inventarverzeichnisse in München gesammelt werden. Auch diese Sammlung ist zeitaufwendig und erbringt höchst unterschiedliche Ergebnisse, von einer summarischen Aufzählung bis hin zu relativ umfangreichen Dokumentationen, auch in digitaler Form.
Angestrebt wird als Idealfall, dass die örtlichen Betreuer ihre Inventarverzeichnisse überarbeiten und, möglichst in digitaler Form, in den Zentralkatalog einbringen. Zu diesem Zweck erfolgt eine umfangreiche Beratung der Betreuer, sei es individuell vor Ort, sei es in Form von Vorträgen, Publikationen oder Seminaren. Die Beratung beinhaltet die Methoden der Inventarisierung mit, aber auch ohne EDV-Einsatz.
Die Inventarisierung erfolgt, soweit sie durch mich durchgeführt wird, mit dem HIDA-Programm. HIDA wird aber auch von einzelnen Heimatsammlungen verwendet. Daneben sind verschiedene dBase-, Excel- und Access-Anwendungen in Gebrauch. Die Zusammenführung dieser unterschiedlichen Formate, und vor allem auch die Einbindung der zahlreichen nicht-digitalen Inventarverzeichnisse wird ein Hauptproblem für die zukünftige Arbeit darstellen.
Zwei Teilbereiche der bisher durchgeführten Inventarisierung möchte ich wenigstens ansatzweise ansprechen.
Der erste Bereich ist die fotografischen Erfassung. Verwendet wird dafür eine digitale Kamera mit 2,1 Megapixel Auflösung, die recht zufriedenstellende Ergebnisse bringt. Bisher wurden über 2000 Inventarfotos angefertigt. Die Vorteile gegenüber der konventionellen Fotografie für die praktische Arbeit sind sehr überzeugend: Die Objekte sind jederzeit über den Monitor zu betrachten und werden dadurch geschont. Die aufwendige Negativ-Archivierung entfällt, es entfallen Film- und Entwicklungskosten usw. Die Fotos, im JPG-Format, werden außer auf der Festplatte auch als Sicherungskopie auf einem MO-Laufwerk magnet-optisch abgespeichert.
Der zweite Teilbereich, der kurz angesprochen werden soll, ist die Schaffung eines Ortsthesaurus, der einen gezielteren Zugriff auf die hinsichtlich der Herkunftsorte sehr weit verstreuten Sammlungsbestände ermöglichen soll.
Auf dem Inventarblatt sind ja nur der oder die konkreten Herkunfts- oder Herstellungsorte der Objekte angegeben. Dies mag genügen, wenn ein Museum schwerpunktmäßig eine bestimmte Region bearbeitet. Wenn aber, wie hier, ein so großes Dokumentationsgebiet wie die Tschechische Republik erfasst werden soll, ist es oft unbefriedigend. Denn wenn ein Bearbeiter am PC recherchieren möchte, welche Objekte etwa aus dem Egerland oder aus einem bestimmten Bezirk vorhanden sind, dann müsste er dazu anhand eines Ortslexikons jeden einzelnen infrage kommenden Ortsnamen abfragen. Bei einem vorhandenem Thesaurus dagegen wird jeder Herkunftsort automatisch den übergeordneten Einheiten zugeordnet.
Der Thesaurus, der sich noch im Aufbau befindet, gliedert das Gebiet der heutigen Tschechischen Republik nach zwei verschiedenen Kriterien.
Das eine Kriterium bildet die Gliederung nach Landschaftszonen. Diese sind für kulturgeschichtliche Fragestellungen meist sehr relevant. Das Gebiet ist dabei nach den Vorgaben eines bibliografischen Standartwerkes (2) unterteilt in die verschiedenen Regionen: Altvatergebirge, Böhmerwald, Erzgebirge, Riesengebirge, die Sprachinseln usw. Darunter finden sich dann die einzelnen Ortsnamen.
Das zweite Kriterium ist die verwaltungsmäßige Gliederung. Auf der obersten Ebene finden wir die Landesteile Böhmen, Mähren und Schlesien. Eine Ebene darunter findet sich die Unterteilung in die politischen Bezirke, ebenfalls anhand eines einschlägigen Standardwerkes. Die Ortsnamen sind vorerst nur in deutscher Sprache eingegeben. Es ist aber vorgesehen die tschechischen Ortsbezeichnungen später einmal als Synonyme nachzutragen. Jeder Ortsname wird nun bei seinem erstmaligen Vorkommen mit diesem Thesaurus verknüpft und schon kann auch nach den eben genannten regionalen Zonen recherchiert werden.
Ein Beispiel soll dazu genügen: Die Suche über den Thesaurus nach Objekten aus der Iglauer Sprachinsel ergibt hier 47 Objekte, obwohl nur sechs davon als Herkunftsort die Iglauer Sprachinsel eingetragen haben, die anderen sind genauer mit dem Ortsnamen bezeichnet.
Umgekehrt lassen sich nun auch schnell und lückenlos die Objekte aus den Vertreibungsgebieten von denen der Aufnahmegebiete unterscheiden.
Dieser Thesaurus steckt, wie gesagt, noch in den Anfängen, aber er stellt bereits jetzt ein sehr effektives Hilfsmittel für die Recherche dar.

 Anmerkungen

(1) Kuhn, Heinrich: Sudetendeutsche Heimatsammlungen, 2. Auflage, München 1985.

(2) Hemmerle, Rudolf: Heimat im Buch, 2. Auflage, München 1996.

 Zur Person

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Klaus Mohr (Leiter der musealen Sammlungen und des Bildarchivs
Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft
für kulturelle Heimatsammlungen
Redaktion des Jahrbuchs für sudetendeutsche
Museen und Archive )
Diesen Beitrag haben 1.617 Besucher der Tagungs-Webseite angeschaut, zuletzt Freitag, 03. Sept  10 um 08:02 Uhr

Letzte Ergänzung der Webseite: 06.09.10

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