Die Zukunft ist digital, sagen die Experten. Dem Computer gehöre die Zukunft. Die Wirklichkeit ist freilich etwas anders. Noch nie zum Beispiel wird so viel bedrucktes Papier produziert wie heute, wo es angeblich längst das papierlose Büro geben müsste...
Toni Siegert: Vom Zettelkasten zum Global-Data-Network
Data Warehouse - Content Management Systeme - Knowlegde Managament Systeme, das sind die großen Schlagwörter der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) unserer Tage. Ganze Industriebranchen leben damit und davon. Eine regelrechte Digitalisierungseuphorie hat die Welt erfasst. Die Zukunft ist digital, sagen die Experten. Dem Computer gehöre die Zukunft. Die Wirklichkeit ist freilich etwas anders. Noch nie zum Beispiel wird so viel bedrucktes Papier produziert wie heute, wo es angeblich längst das papierlose Büro geben müsste. In der Tat klaffen Anspruch und Wirklichkeit häufig weit auseinander. Stellen wir daher drei einfache Grundfragen:
Was haben wir bisher wirklich erreicht - vom Zettelkasten zum Global-Data-Network?
Was sind gegenwärtig unsere Hoffnungen, wo lauern andererseits die Gefahren?
wo müssen wir hin - und wohin nicht?
Beginnen wir mit: Was haben wir bisher erreicht?
1
Einer meiner ersten Computerfach-Vorträge(1) hier in Theuern ist mir noch gut im Gedächtnis. Ich referierte damals über erste positive Erfahrungen mit gerade neu auf den Markt drängenden relationalen Datenbanken wie dBase III. Eigentlich hätte ich den Text gerne noch mal gelesen. Erstens spricht heute über dBase III niemand mehr; im Zeitalter von Multimedia, objektbezogener Programmierung und XML ist dBase III mausetot. Zweitens hätten mich heute meine Argumente von damals erneut interessiert. Denn der Erinnerung nach hatte mein Vortrag eine heftige Kontroverse ausgelöst, ging es doch um zukunftssichere Datenmodelle, die damals diskutiert wurden.
Meinen Vortragstext fand ich in einer alten Diskettenbox mit 5¼-Disketten. Auf der betreffenden Diskette klebte noch der entsprechende Hinweis. Bedauerlicherweise konnte ich die Diskette nicht mehr einlesen. Trotz mehrerer Computer in meinem Haus und einiger tausend PC im Bayerischen Rundfunk fand ich keinen mehr mit einem 5¼-Zoll-Laufwerk. Harmlose zehn Jahre, und schon war kein Zugriff mehr auf die Daten möglich!
Vor wenigen Tagen stand ich im British Museum in London vor meterhohen Tontafeln, übersät mit sumerischen Schriftzeichen. Etwa 4500 Jahre alt. Man kann sie noch so problemlos lesen und verstehen wie vor 4500 Jahren. Man wird diese Urdaten der Menschheitsgeschichte auch noch in weiteren 4500 Jahren lesen können - vorausgesetzt, man hat bis dahin die Tontafeln in ein anderes Gebäude gebracht. Denn der Beton des British Museums wird bis dahin zerbröselt sein. In 5000 Jahren wird kein einziges modernes Gebäude aus unserer Zeit mehr auf dieser Welt stehen. Auch Beton hat seine endliche Halbwertszeit!
Wir wissen: Geschichte lebt aus gespeicherten Fakten. Ob Beton, Baumringe, Papyri oder Band-Backups - auf die Datendokumentation und deren Überlieferung kommt es an. Sonst hat jene Geschichte der davon betroffenen Menschen gar nicht stattgefunden. Oder zumindest ist dieser Teil der Geschichte nicht mehr rekonstruierbar. Nur aus Daten rekonstruiert sich Geschichte.
So wie mit dem Brand der Alexandrinischen Bibliothek kurz nach Christi Geburt nicht nur 200000 Buchrollen zerstört wurden, sondern damit gleichzeitig alles, was bis dahin von Geist und Wissenschaft geschrieben worden war, in Flammen aufging - so ist seitdem das in Alexandria gespeicherte Gedächtnis des Altertums ein für allemal ausgelöscht. Ähnliches ereignete sich Jahrhunderte später in den Bibliotheken von St.Petersburg, Norwich und Lyon, wo durch Feuer, Wasser und andere Katastrophen ganze Wissensdatenbanken aus einer realen Geschichte getilgt wurden. Die geistige Leistung vieler Generationen ist damit aus der menschlichen Erinnerung 'erfolgreich' ausgelöscht.
Ein umgekehrtes Beispiel erleben wir momentan in Berlin. Dort sollte ursprünglich Geschichte vernichtet werden. Oder sagen wir besser, es war der Versuch der vorsätzlichen Geschichtsfälschung, als 1989 die Stasi ihre Akten durch den Reißwolf jagte. Seit über zehn Jahren werden diese Papierschnitzel von Hand mühsam zusammengesetzt. Ein zeitaufwendiges und teures Verfahren. Die Rettung könnte vom Computer kommen. So werden für die Berliner Gauck-Behörde Spezialprogramme getestet, die helfen sollen das Puzzle-Spiel mit den zerrissenen Stasi-Akten schneller zu beenden. Dazu werden die einzelnen Papierschnipsel lediglich dreidimensional eingescannt. Ein Spezialprogramm berechnet und erkennt automatisch, wo die 3-D-Risskanten exakt zueinander passen. Am Bildschirm wachsen dann die gescannten Papierschnipsel automatisch zusammen. Der analoge Stasi-Reißwolf wird mit Hilfe der digitalen Computerintelligenz überlistet. Bits und Bytes beschleunigen die Rekonstruktion der Ereignisse in der DDR-Ära.
In einem ganz anderen Zusammenhang stellt das Tempo der Digitalisierung auch für den Bayerischen Rundfunk eine außergewöhnliche Herausforderung dar. Hunderttausende von Ton- und Videobändern, Filmen und Fotos zerbröseln allmählich in den Archivsälen. Sie verbleichen, vergilben, entmagnetisieren sich unaufhaltsam. Rettung verspricht alleine der digitale Datenträger. Die Frage ist, welcher Datenträger dies sein soll. Plötzlich stellt sich heraus, dass selbst CDs oder die ersten auf Spezialbändern gesicherten Digitalaufnahmen nicht ewig halten. Auch sie müssen immer wieder umkopiert werden, auf immer neuere Datenträger, mit aufwendigen Verfahren, mühsam ergänzt um Zusatzinformationen (so genannte beschreibende Metadaten). Diese werden benötigt, damit in der ungeheuren digitalen Datenflut überhaupt noch etwas wiedergefunden werden kann.
Es stellt sich die Frage: Was ist eigentlich archivwürdig? In meinem Zuständigkeitsbereich für BR-Online liegen 100 000 Seiten auf dem Server. Bestimmte Inhalte ändern sich laufend oder wachsen ständig. Pro Tag werden aus Dutzenden von zuliefernden Redaktionen bis zu 500 Einzelinformationen eingestellt. Dazu kommen Informationen, die teilweise nur mehr für Sekunden auf dem Bildschirm auftauchen. So gibt es alle 20 Sekunden neue Webcam-Bilder direkt vom Moderatorenplatz in unseren Studios von Bayern 1 und Bayern 3 zu sehen. Dazu erhält man Angaben zum eben laufenden Musikstück, Hinweise zum laufenden Programm. Alles kann in Echtzeit sofort abgerufen werden. Die aktuelle Verkehrslage in Bayern mit manchmal bis zu 2000 Einzelmeldungen am Tag wird im Minutenabstand aktualisiert; sie kann ebenfalls über das Internetangebot des Bayerischen Rundfunks abgerufen werden. Was aber ist in dieser digitalen Datenflut wirklich archivwürdig, was unverzichtbar, was ist eine flüchtige, schon Minuten nach ihrem Zustandekommen letztlich belanglose Information?
Um dazu ein aktuelles Negativbeispiel zu nennen: Im RTL-Internetangebot 'Big Brother' lässt sich mittels Internet und Webcams das Intimleben in einem Menschenzoo studieren. 'Ein menschliches Versuchslabor' nannte es der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Beck, gleichzeitig Vorsitzender der Länder-Rundfunkkommission.(2) Nach Becks Ansicht verletze die Sendung eindeutig die Würde des Menschen. Die Sendung sei bewusst auf Konfrontation in der Gruppe aus und stellt intimste Bereiche zur Schau.
Ich gehe noch einen Schritt weiter: Nach meiner persönlichen Einschätzung sind hier Orwells visionäre Befürchtungen eines gläsernen Menschen zynische Wirklichkeit geworden. 'Big Brother' ist Orwell pur, Menschenwürde ade, verkommen zum Volksklamauk vor der Dauerkamera, für sensationslüsterne Voyeure, die nicht mehr - wie im alten Rom - im Coloseum sitzen, sondern zu Hause am Fernsehschirm lungern. Technische Finesse des Ganzen: Wer Computer und Internetzugang hat, sieht seinen Lieblingshelden oder seine Lieblingsfrau direkt am Tisch und im Bett, rund um die Uhr, mit Hilfe einer fernsteuerbaren 360°-Spezialkamera. Die Frage nun aus einer historischen Perspektive heraus ist: Was alles von diesen im digitalen Dauerfeuer produzierten Webcam-Fotos samt Zusatzinformationen soll eigentlich archiviert werden? Ist es überhaupt archivwürdig - zum Beispiel als zeitkritisches Dokumentationsmaterial für den Zustand unserer Zeit, damit irgend wann einmal unsere Nachwelt studieren kann, wo unsere Gesellschaft im Herbst des Jahres 2000 stand?
Generelle Fragen drängen sich auf. Wie werden wir mit einer neuen digitalen Datenflut auf allen Kanälen und menschlichen Empfangsebenen eigentlich fertig? Was prägt uns? Wer sieht die Entwicklungen richtig - die technischen Überflieger oder die Kulturpessimisten? Überhaupt: Wo sind noch Grenzen zwischen virtueller und realer, zwischen flüchtiger und wichtiger, zwischen höchst unwichtiger und zukunftswürdiger Dateninformation für die Zukunft?
Steigen wir damit ein in den zweiten Fragenzyklus, den ich am Anfang so benannte: Was sind gegenwärtig unsere Hoffnungen, wo lauern aber auch die Gefahren?
Kürzlich hatte ich in der Schweiz ein beeindruckendes Erlebnis. Auf Einladung des Computerkonzerns IBM diskutierten einige Radiofachleute mit Spitzenwissenschaftlern des IBM-Forschungslabs Rüschlikon(3) bei Zürich. Unter den acht weltweit führenden Forschungslabors nimmt Zürich eine Spitzenposition ein. Hier werden bereits Datenträger der über-über-nächsten Generation entwickelt, die nicht mehr mag-netisch beschrieben werden. Von dieser Denkschmiede am Zürichsee kommen miniaturisierte Datenträger mit abenteuerlich anmutenden Speichervolumina (das sensationelle IBM Microdrive kann auf einem winzigen Scheibchen von 2,7 cm Durchmesser bis zu einem Gigabyte Daten speichern(4)). Von IBM Zürich aus kommen weltweite Anstöße zur Entwicklung der Nano-Technologie, wo es zum Beispiel um winzige sich selbst reproduzierende Roboter geht. Und dort hat man einen außergewöhnlich präzisen Überblick über das, was zur Zeit rund um den Globus entwickelt wird.
Direktor dieses mit hochkarätigen Wissenschaftlern - darunter zwei Nobel-Preisträgern - besetzten Spitzenlabors ist seit Juni 2000 ein gebürtiger Regensburger: Matthias Kaiserswerth(5), 43. Als Kryptografie- und Netzexperte hat er eine Honorarprofessur an der Uni Erlangen inne. Kaiserswerth fasste die globalen Megatrends unserer Tage in folgenden fünf Punkten zusammen:
Everything goes faster and faster!
Everything goes online!
Infrastructure will be intelligent
Optimise to survive
Software: Building Blocks becomes a business
Setzen wir uns im Folgenden kurz mit diesen Kernthesen auseinander:
1. Everything goes faster and faster!
Computer, Bauteile und Spezialgeräte werden immer schneller, dabei immer kleiner und gleichzeitig immer billiger. Gesamttrend: schneller, kleiner, billiger.
2. Everything goes online!
Das heißt: Gegenstände werden intelligent gesteuert oder steuern wieder andere Gegenstände. Alle Gegenstände werden miteinander verbunden. Leuchtlampen und Fensterläden bedient man künftig übers Netz per Internetfunktion. Das Auto der Zukunft hat demnächst ebenso Dauerverbindung zum Internet. Es holt und sendet ständig Daten aus dem Fahrbetrieb, aus dem Fahrzeug selbst sowie von und zu den Menschen, die sich im Wageninneren befinden.
3. Infrastructure will be intelligent:
Demnächst werden kaum vorstellbare Datenmengen ständig durch die Netze zirkulieren. Dagegen sind die gegenwärtig zwei Milliarden Seiten des Internets - im Jahr 2001 sollen es bereits 4 Milliarden(6) sein, ein Klacks. Wenn künftig jede kleinste Bedieneinheit in beliebigen Geräten (Lichtschalter, Kühlschränke, Autos, Fernseher, Computer) laufend Daten liefert oder anfordert, so entstehen noch nie da gewesene Herausforderungen an Rechner, Datenbanken, Netze. Greifbare Lösungen sind laut Kaiserswerth beispielsweise Directory-Dienste (sie passen sich ständig selbst dem Nutzer, den Anforderungen, den Datenvolumina usw. an). Globale Schlagwörter sind in diesem Zusammenhang: Multicast-Transcoding, Security-Services, Multicast, Cash-Services.
4. Optimise to survive
- Optimieren um zu überleben. Das bedeutet: Künftig ist es viel zu teuer Daten zu löschen. Viel billiger wird es sein Daten zu halten - weil sie sich praktisch von selbst amortisieren, indem man sie auch für andere Zwecke nutzt. Speicher und Verwaltung kosten nichts mehr. Im Gegenteil: Wenn ein Unternehmen, eine Branche, ein Forschungslabor, ein Medienhaus, ja generell jeder Informationssuchende keinen Zugang mehr hat zu jenen Daten, die seinen Lebensraum entscheiden, seinen Businesserfolg bestimmen können, dann steht er schon auf dem Abstellgleis. Der vierte große Megatrend besteht also darin in einem globalen Verständnis ständig Informationen zu speichern, daraus Wissen zu gewinnen. Unternehmen beispielsweise nutzen nicht mehr nur ihre eigenen Daten, sondern auch die Daten von Nutzern. Neue Medikamente werden nicht mehr im Labor erstellt werden, sondern im PC. Die Laborsituation wird im Rechner simuliert. Molekularstrukturen können durch den Rechner simuliert, gegebenenfalls sofort mit aktuellen Patientendaten abgeglichen werden. Die generelle Herausforderung für das dabei nutzbare weltweite Datenvolumen besteht darin, effiziente und vernünftige Daten rauszuziehen und sie unterschiedlichen Anwendungen zugänglich zu machen.
5. Software Building Blocks becomes a business.
Software wird immer leistungsfähiger und besser anpassbar, Supercomputer entstehen. Das ist das Business der Zukunft, sagt Kaiserswerth. Die anstehenden Quantensprünge in der Technik (Hard- u. Software), aber auch in der Wissenschaft überhaupt (Nano-Technologie, Gentechnologie usw.) werden das Leben noch einmal total verändern.
Wohin das führen kann, konnte ich in Zürich am eigenen Körper erleben. Der Mensch wird allmählich Teil des Computers. Über eine Fußkontakttaste, auf die ich mich einfach mit meinem Fuß stellte, empfing ich Daten von einem Computer. Diese liefen durch meinen Körper, verließen mich durch den anderen Fuß, wanderten zu einem anderen Menschen und kamen wieder in einem zweiten PC an. Anschließend nahm mich eine Puppe mit eigenartigen Augen ins Visier. Diese Puppenaugen bestanden nämlich aus zwei Videocams, die meine Augen anvisierten und sie als 3-D-Modell studierten. Gleichzeitig analysierte das virtuelle Gegenüber meine Gesichtszüge. Aus dem Ergebnis meiner Augenbewegungen und gegenwärtigen Gesichtszüge bis zur Mundstellung rekonstruierte die Puppe meinen Gemütszustand. Lachte ich, lachte sie ebenfalls. War ich nachdenklich, war sie es auch und sprach mich an.
Nun wird in der IBM-Forschung gegenwärtig ein Supercomputer, der mit einer Billiarde Rechenoperationen pro Sekunde (Petaflops) 500-mal schneller als die gegenwärtig leistungsfähigsten Computer der Jahrtausendwende arbeiten wird(7).
Die Forschung beruhigt uns jedoch: Erst in Jahren soll die Rechenleistung von Computern so weit gesteigert worden sein, dass erstmals die Rechenleistung des menschlichen Gehirns übertroffen wird. An dieser Stelle drängt sich allmählich die Frage auf, ob spirituelle Roboter im Jahr 2010 die Menschheit ersetzt haben werden? So lautete tatsächlich die Frage, die am 1. April 2000 in den Räumen der nordkalifornischen Stanford-Universität gestellt wurde. Obwohl es dem Kalender nach der 1. April war, handelte es sich bei folgender per E-Mail verschickten Einladung nicht um einen Scherz: 'Wird das Herauf- und Herunterladen kompletter Gehirne aus dem Web alltäglich werden? Werden unsere Kinder - oder vielleicht unsere Enkel - die letzte Generation sein, die Erfahrung mit der ´condition humaine´ macht? Wird Unsterblichkeit die Sterblichkeit ablösen?' Genau diese Megathemen diskutiert die kalifornische High-Tech-Szene seit einigen Jahren unter dem Schlagwort 'Posthumanismus' in einer Art Geek- und Nerd-Subkultur. Die Stanford-Veranstaltung im April zerrte diese Fragen erstmals ans akademische Licht, quasi 'von den Rändern der Wissenschaft in ihr Zentrum' (8).
Bevor ich mich im dritten Teil meines Vortrags dieser neuen Betrachtungsebene von Daten und Datenwelten zuwende, unterbreche ich zunächst diese Höhenflüge und bewege mich zurück in die Tagesprobleme von Datenerhaltung und Datensicherung.
Im nächsten Abschnitt folge ich weitestgehend einer Darstellung, welche Die ZEIT(9) unter der Überschrift 'Das große Datensterben' mit dem sarkastischen Untertitel versah: 'Von wegen Infozeitalter. Je neuer die Medien, desto kürzer die Lebenserwartung'. ZEIT-Autor Dieter E. Zimmer formulierte seine ketzerische Einleitung folgendermaßen: 'Unser Zeitalter hat so manchen klingenden Namen bekommen: Informations-, Kommunikations- oder Wissenszeitalter. Ganz falsch ist ,Informationszeitalter´ sicher nicht, versteht man unter Information nicht Informiertheit und zählt alles dazu, was an Schriften, Bildern, Klängen hervorgebracht wird, alle Äußerungen menschlichen Geistes und menschlicher Geistlosigkeit. Aber wenn wir mitten in einer beispiellosen Informationsexplosion leben: Flöge hin und wieder ein Magnetbandarchiv in die Luft, ginge hin und wieder eine Bibliothek so dramatisch in Flammen auf wie im Jahre minus 47 die von Alexandria oder 1988 die von Leningrad (dort gingen über 700.000 Papyri verloren, hier über 400.000 Druckwerke), so wäre die Öffentlichkeit alarmiert, und Konservierung stünde ganz oben auf der kulturellen Prioritätenliste. Der tatsächliche tägliche Informationsverfall jedoch ist schleichend. Die Katastrophe vollzieht sich langsam und leise und fast unbemerkt. Die Medien, welche die Information beherbergen, sind wie Lebewesen: Jedes trägt seine vorgegebene Lebensdauer in sich, in jedem tickt die Uhr des Alterns, und so lange es nur altert, tröstet man sich gern damit, dass es schon irgendwie hält. Am Ende aber steht unweigerlich der Tod, und niemand und nichts wird die gespeicherte Information zurück ins Leben holen.'
Tatsächlich sind die eingangs beschriebenen keilförmigen Schriftzeichen, welche die Sumerer vor 4500 Jahren mit einem Rohgriffel in Tontafeln drückten, heute so perfekt wie am ersten Tag. Jenen ungegerbten Ziegen- und Schafhäuten, die vor 2200 Jahren als Schreibmaterial in Gebrauch kamen, hat der Zahn der Zeit ebenfalls wenig anhaben können: Jahrtausendealte Pergament-Codices sind noch lesbar. Auch aus Lumpen gefertigtes Hadernpapier, das im 15. Jahrhundert das Pergament ablöste, ist erstaunlich dauerhaft - und wird es weiter in die Jahrhunderte sein. Es sind außergewöhnlich sichere Datenträger. Nahezu alles jedoch, was seit der Umstellung auf maschinelle Papierproduktion in den vergangenen 150 Jahren geschrieben oder gedruckt wurde, steht auf saurem Papier - und das überdauert unter normalen Bedingungen nur 50 bis 80 Jahre. Trotzdem: Selbst das saure Papier ist noch ein vergleichsweise robuster Informationsträger gegenüber den meisten anderen, die danach kamen.
Das einzige Medium, welches es mit Papier in punkto Langlebigkeit aufnimmt, ist die Fotografie. Sie wird es auch sein, welche wenigstens die Inhalte vieler jener Bücher und Periodika retten wird, die selber verloren sind. Doch auch Fotografien bleichen unter Lichteinwirkung aus. Daher ist die Art der Lagerung bei Fotos alles: Eine gleichmäßige Temperatur von minus 18 Grad, 30 Prozent Luftfeuchtigkeit und völlige Dunkelheit verlängern ihre Lebensspanne angeblich tausendfach. So schlummern größere Mengen von Mikrofilmen aus deutschen Archiven heute im Schwarzwald, in einem stillgelegten Bergwerk bei Oberried, späteren Generationen entgegen. Die Mikroverfilmung ist fast so alt wie die Fotografie selbst, und sie ist schon seit langem das probateste Mittel, wenn schon nicht Bücher und Akten selbst, so doch ihr Abbild zu konservieren.
Bei Filmen wird der besten Qualität, Polyester mit Silberhalogenid-Beschichtung, bei rücksichtsvoller Lagerung eine Haltbarkeit von 500 bis 1000 Jahren versprochen. Polyester wird aber erst seit einigen Jahrzehnten verwendet. Vorher war das gebräuchliche Filmmaterial Celluloseacetat, dem dasselbe Säureproblem wie Papier droht - es zerfrisst sich selbst. Der Zerfall verrät sich am Essiggeruch, den solche Filme verströmen. Der noch ältere Cellulosenitratfilm ('Nitrofilm') dagegen entzündet sich schon bei 37 Grad von selbst. Archive alter Filme sind darum im wahrsten Sinne des Wortes explosive Gefahrgutlager. Letztlich vermittelt das Medium Film bereits eine Vorahnung dessen, was Informationsverlust praktisch bedeutet: Von den zwischen 1930 und 1950 entstandenen Filmen haben sich bereits 50 Prozent selbst zerstört (oder gingen verloren), von den älteren sogar 80 Prozent.
Magnetträger wie Ton- und Videobänder weisen ähnliche Probleme auf. Und das gilt genau so für Datenbänder, Disketten oder Computerfestplatten, die auf der selben Technologie beruhen. Mehr noch als in der Demagnetisierung lauern die Gefahren im Trägermaterial und der Magnetbeschichtung. Das Material löst sich auf, muss also schnellstens umkopiert werden. Heutigen Ton-, Video- und Datenbändern wird von Fachleuten zumindest noch eine Lebensdauer von zehn bis zwanzig Jahren zugebilligt.
Datensicherheit für wie lange?
Zehn, zwanzig Jahre Datensicherheit, gar sagenhafte hundert Jahre: In einem Archiv für das 'Gedächtnis der Menschheit' (so der Name eines namhaften UN-Projektes) ist das alles nur ein Moment. Bei einer derartigen Instabilität der Information werden wohl schon unsere Enkel nichts mehr von uns wissen.
Wobei an dieser Stelle schon mal eingefügt werden muss, dass Wissen und Daten auch auf eine andere Weise übermittelt werden, von der hier noch gar nicht geredet wurde - durch die Sprache. Die mündliche Überlieferung des Wissens von Generation an Generation ist in den Augen der Datenfetischisten zwar ein 'weicher Datenträger'. Zu viel kann hineininterpretiert, falsch übermittelt, möglicherweise vergessen werden. Aber wichtige Daten der Menschheitsgeschichte sind durch mündliche Überlieferung zustande gekommen. Bekanntestes Beispiel: die Bibel.
Eventuell können wir die Sache noch von einer anderen Seite betrachten: Scheinen das nicht alles Sorgen, die letzten, aus der unbequemen vordigitalen Zeit? Löst die Digitalisierung der Information nicht auch auf wundersame Weise und gerade noch rechtzeitig das Problem ihrer Konservierung? So ZEIT-Autor Zimmer.
Eleganterweise führt die Digitalisierung zwar zu einer neuen Dimension bei der Erzeugung, Verbreitung, Verwaltung der Information und beim Zugriff auf sie. Aber dummerweise ist Information im digitalen Zustand plötzlich flüchtiger geworden als in allen anderen Zustandsformen. Genauer gesagt: Digitale Daten müssen migrieren. Weniger prosaisch: Digitale Daten müssen in relativ kurzen Abständen von einem Träger auf einen neuen umkopiert werden. Das Problem ist: Je dichter man die Daten packt, desto vergänglicher sind sie!
Gibt es überhaupt Aussicht auf Lösung?
Den Königsweg der Langzeitkonservierung gibt es nicht; es werden viele Wege begangen werden müssen. Aber Einigkeit besteht unter Experten darüber, dass die Digitalisierung - was immer sonst ihr Nutzen sein mag - jedenfalls keiner dieser Wege zur 'archivalischen Unsterblichkeit' ist. Schon analoge Information, für ihre Wiedergabe auf sehr spezielle elektronische Geräte angewiesen, ist fragil; digitale Information braucht auch noch Software zu ihrer Entschlüsselung und ist damit doppelt fragil. Je dichter sie gepackt ist, um so fragiler ist sie. Es soll optoelektronische Bildplatten geben, die sich nur von dem Gerät lesen lassen, das sie auch beschrieben hat, weil kein anderes je genau dieselbe Fehljustierung besitzen wird.
Die Hoffnung, dass wiederholte Migration der Daten problemlos auf Mausklick funktionieren wird, ist ein irriger Optimismus. Das weiß jeder, der plötzlich eine Datei bräuchte, die er vor ein paar Jahren auf einer 5¼ -Zoll-Diskette deponiert hatte. Zum einen brauchte er ein funktionsfähiges Laufwerk für dieses ausgestorbene Format, zum anderen das Programm, das ihm diese Datei auf der gerade zurückliegenden Urzeit lesen lässt.
Daraus resultiert das Modell Technikmuseum:
Neben den Daten selbst müssen irgendwo auch die Geräte und die Programme aufbewahrt werden, die sie hervorgebracht haben. Das aber ist illusionär. Die gesamte verwendete Hardware müsste ja gewartet werden, um sie lauffähig zu halten. Edisons ursprünglicher Tonzylinderpieler und andere Geräte aus der Frühzeit der analogen Bild- und Tonaufzeichnung könnte ein gewiefter Feinmechaniker notfalls nachbauen. Elektronischen Geräte mit ihren hoch integrierten Bauteilen aber sind tot, sobald der Nachschub an Originalteilen versiegt.
Das zweite Modell heißt Emulation, die Nachahmung alter Hard- und Software auf Computern der jeweils aktuellen Generation. Sie setzt voraus, dass ausreichend detaillierte technische Metainformation über die veralteten Systeme aufbewahrt wird, so dass die Ausgangslage rekonstruiert werden kann. Aber wie könnte das funktionieren? Etwa vorsorglich alle Baupläne und source codes auf Papier mit hoher alkalischer Reserve drucken? Und wenn die dann aus irgend einem Grund verbrennen oder verloren gehen?
Modell drei bildet die Migration, das Umkopieren von einem Datenträger auf den anderen. Sie scheint zur Zeit die einzige realistische Möglichkeit der Langzeitsicherung. Aber auch sie setzt entweder voraus, dass mit den Informationen die Programme aufgehoben werden, mit deren Hilfe sie erzeugt wurden und wieder entziffert werden können; und dass diese Programme vor den Informationen selbst auf die neueren Maschinen migrieren. Oder aber, dass sich maschineneunabhängige Standardformate für Text- und Grafik- und Tondateien und Datenbanken entwickeln, die die Chance hätten, auch in die weitere Zukunft zu überleben. Solche Erwartungen werden neuerdings an XML gehegt. Aber ich mag nur an das Schicksal von dBase III denken. 1990 empfahl ich es als zukunftssichere Investition. Zehn Jahre später amüsiere ich mich über meine eigene Empfehlung mit dem Adenauer-Motto: 'Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern...'
Wenn selbst die Daten vom Saturn verblassen
Etliche andere Aspekte kann ich wegen Zeitmangels an dieser Stelle nur am Rande streifen, beispielsweise die Tatsache, dass selbst für modernste CDs lediglich 20 bis 30, in Einzelfällen vielleicht höchstens 100 Jahre Haltbarkeit versprochen wird. Wie die verwendeten Plastikstoffe im Verbund tatsächlich altern, weiß nämlich kein Mensch.
An dieser Stelle beziehe ich mich auf den Internetpionier und Astrophysiker Clifford Stoll vom Harvard-Smithsonian-Center for Astrophysics in Oakland, Kalifornien. In seinem amüsanten Buch 'Die Wüste Internet. Geisterfahrten auf der Datenautobahn' [1998 als Fischer-Taschenbuch erschienen] schreibt er: 'Als 1979 die Pioneer-Sonde der NASA am Saturn vorbeiflog, half ich bei der Aufzeichnung der laufend übertragenen Daten auf Magnetband. Um sicherzustellen, dass wir keine der unbezahlbaren Informationen verlieren würden, speicherten wir sie in vier Formaten: 9-Spur-Magnetband, 7-Spur-Magnetband, Lochstreifen und -karten. [...] 20 Jahre danach fristen all die Karten und Bänder ihr Dasein in einem Lager in Tucson, bewacht von Leguanen und Skorpionen. Sie sind bestens erhalten, aber man kann sie nicht entziffern. Lesegeräte für Lochkarten und -streifen gibt es einfach nicht mehr. Ebenso wenig die großen Tonbandgeräte. Wenn es nur ein paar Bänder wären, könnte ich sie wegschicken und auf Diskette kopieren lassen. Aber hier ist von einer Lastwagenladung voll die Rede.'
Stoll hat die Hoffnung aufgegeben, je die Daten vom Saturn lesen und auswerten zu können. Sie sind vorhanden, aber nicht mehr rekonstruierbar. Sie sind wertlos.
Als vorläufiges Zwischenergebnis halten wir fest:
Noch nie in der Menschheitsgeschichte zirkulierten so viel Daten um den Erdball und in den Gehirnen der Menschen wie heute. Noch nie in der Menschheitsgeschichte war es möglich, was das Internet gestattet: Theoretisch haben alle Menschen von nahezu jedem beliebigen Ort auf der Erde Zugang zur selben riesigen Datenbasis. Plötzlich ist es völlig gleich, ob Sie in Paris, London, Washington oder Tokio leben, oder ob Sie auf einem einsamen Bauernhof in Ostbayern, einer Einöde in der russischen Weite, einem Forschungsschiff in der Antarktis tätig sind und das Internet anzapfen: Sie haben jederzeit am selben Kenntnisstand Anteil. Niemand mehr hat durch räumliche Entfernung Nachteile. Körperlicher Abstand von der Information spielt prinzipiell keine Rolle mehr.
Das rasante Innovationstempo in der Informationstechnologie zwingt aber jeden Nutzer - ob privat oder Facharchivar historisch relevanter Bestände - dazu, die Daten jeweils umzukopieren.
Daten müssen natürlich ständig für die jeweils neueste Gerätegeneration lesbar erhalten werden.
Hier liegt klar der prinzipielle Nutzen von Technik und technischer Innovation. Menschlicher Forschergeist verbessert unsere Lebensqualität
Keine Kopie ist hundertprozentig
Nun scheint das alles kein Problem zu sein. Weltweit gehen Millionen von Nutzern davon aus, dass digitale Kopien prinzipiell fehlerfrei sind. Doch fatalerweise gibt es auch im digitalen Bereich keine hundertprozentige 1:1-Kopie. Was ist die Ursache?
Bei der Datenspeicherung wird ein leider störungsanfälliges elektrisches Signal in Nullen oder Einsen verwandelt. Dazu wird die durchgängige, wellige Stromkurve in zwei Werte geteilt. Jeder Impuls oberhalb eines festgelegten Schwellenniveaus wird zur Null, darunter zur Eins. Nun sind an sich harmlose Spannungs- bzw. Frequenzschwankungen im Stromnetz keine Seltenheit. Eine Herdplatte, ein Bügeleisen, ein Eierkocher, der ein- oder ausgeschaltet wird, eine vorbeifahrende Straßenbahn, Lastspitzen eines Industriebetriebes können leicht solche unsauberen Peaks im Stromnetz auslösen. Ja selbst luftelektrische Einflüsse sind nicht ungefährlich, beispielsweise in überheizten Zimmern, bei elektrischen Funkenschlägen auf bestimmten Teppichen oder vor bzw. nach einem Gewitter. Im Fall des Falles wird etwa die Eins statt einer Null gespeichert.
Daraus entsteht nun das Gefährliche: Während selbst bei der x-ten Fotokopie noch irgendwie etwas auf dem Papier zu erkennen ist, genügt bei digitalen Duplikaten schon das Umschlagen eines einzigen Bits. Und schon ist die digitale Information zerstört. Die Prüfsumme - in Bytes gemessen - stimmt zwar noch. Scheinbar ist die kopierte Datei völlig identisch mit der Mutterdatei. In Wirklichkeit ist ein einziges Bit von Null nach Eins umgeschlagen. Damit kann der komplette Datensatz für immer unbrauchbar sein - beispielsweise, wenn der alles entscheidende Header einer Datenbankstruktur betroffen ist. Über einen solch simplen Weg eines einzigen falschen Null-Bits können aber auch umfangreiche Bilddateien bzw. wichtige Videofilme in Datenmüll verwandelt werden. Wer sie aufruft, liest nur mehr endlose Zahlenkolonnen auf dem Bildschirm. Das schöne Video ist im elektronischen Nirwana ein für alle mal verschwunden. (10)
Die Experten kennen derzeit keinen gesicherten Weg, Langzeitwissen an gespeicherten Nachrichten an spätere Generationen weiterzugeben. Lebensentscheidend für spätere Generationen könnten beispielsweise Informationen über irgendwo gelagerte kerntechnische Abfälle sein, die teilweise mit einer Halbwertszeit von 20 000 Jahren dauerhaft in die Zukunft strahlen.
Verspricht das Internet Rettung?
Ich will mich am Ende dieses zweiten Kapitels meines Vortrags noch kurz dem Internet zuwenden. Es ist die größte, allgemein zugängliche und schnellst wachsende Datenbank der Menschheitsgeschichte. Und es ist ständig im Fluss. Es besteht nicht die geringste Hoffnung, all diese unübersehbare und wandelbare Information jemals zu konservieren.
Selbst wenn es unter der Internetadresse http://www.archive.org/ den verzweifelten Versuch eines skurillen US-Wissenschaflers Brewster Kahle gibt das Internet zu archivieren - es erinnert eher an Don Quichottes ergebnislosen Kampf gegen Windmühlen. Immerhin hat der bei San Francisco lebende Wissenschaftler herausgefunden, dass die durchschnittliche Lebensdauer einer Webseite äußerst gering ist. Nur 75 Tage ist eine Homepage im Schnitt im Netz(11). Seit 1996 durchstöbert er mit seinen zehn Mitarbeitern und mit Hilfe von Hochleistungs-Suchrobotern bienenfleißig das Internet. Bis zum März 2000 hatte er 33,5 Terabytes an Daten abgespeichert. Das entspricht 33 500 Gigabytes oder 33,5 Millionen Megabytes. Nach den Angaben auf seiner Webpage handelt es sich dabei um rund eine Milliarde Seiten Webpages, 16 Millionen Usenet-Postings und 15.000 FTP-Seiten. Irgendwie müssen dem guten Mann entweder die Datenträger oder aber der Mut ausgegangen sein. Seit März 2000 werden nämlich augenscheinlich keine Daten mehr gesichert. Das explodierende Internet hat seine eigenen Spielregeln. Es lässt sich weder eingrenzen noch überblicken noch datensichern.
Prinzipiell will ich an dieser Stelle innehalten und kritisch fragen: ist das nicht schon vermessener Größenwahn, das gesamte digitale Datenchaos einer Gesellschaft für nachfragende Generationen speichern zu wollen? Interessiert dieses Datenchaos die Urenkel überhaupt? Man stelle sich vor, die Sumerer hätten den gleichen stolzen Anspruch entwickelt, alles Wissen der Zeit unbedingt den Nachkommen zu überliefern! Vielleicht müssten wir heute Millionen Tontafeln entziffern. Gewännen wir damit wirklich ein klares Bild der damaligen Gesellschaft? Was nützte uns eigentlich eine solche Überinformation? Ärzte wissen es: Totale Informationsüberreizung ist eine typisches Syndrom der Managerkrankheit - der Burn out. Irgendwann funktionieren die Selektivmechanismen der grauen Zellen nicht mehr. Das Gehirn streikt. Es brennt durch. 'Zu viel Information macht krank', schrieb vor Kurzem die deutsche Financial Times. (12)
Je neuerer das Medium, desto kurzlebiger
Nehmen wir positiv an: Selbst wer nur einen kleinen, mit Sicherheit archivwürdigen Kern der ganzen digitalen Herrlichkeit für künftige Generationen erhalten wollte, dürfte nicht verkennen, dass all ihre Verkörperungen Verfallsdaten in sich tragen, und dass von diesen viele erschreckend nahe sind. So könnte man geradezu ein Gesetz formulieren: Je neuer die Medien und je dichter sie die Informationen packen, desto kürzer ist ihre Lebenserwartung.
Angesichts der voraussichtlichen Lebensdauer einer CD-ROM von etwa 30 Jahren und deutlich kürzeren Fristen bei Disketten und Festplatten stehen die Archivare vor einer gewaltigen Herausforderung. Dies heißt:
Die möglichst in Jahrhunderten zu berechnende Verwahrdauer garantiert derzeit kein Medium.
Sowohl für nachträglich digitalisierte Bestände als auch für ausschließlich digital übermittelte Vorgänge droht die Schreckensvision einer spurlosen Vergangenheit real zu werden.
Da die fortschreitende technische Entwicklung ihre jeweiligen Vorläuferprodukte unbrauchbar macht, wird gleichzeitig die in früheren Computergenerationen gespeicherte Information unbrauchbar. Damit droht die Geschichtslosigkeit!
Was das für die Zukunft bedeutet, ersehen wir am Beispiel der griechischen Geschichte. Um 1200 v. Chr. versinkt Griechenland im geschichtlichen Dunkel. Für die nächsten 500 Jahre hüllt sich das Reich der Danaer in undurchdringliches Schweigen. Etwa 20 Menschengenerationen haben scheinbar nie gelebt. Bis heute gibt es dazu keine Tonscherbe, keine Notiz aus alten Schriften Nachricht aus dieser dunklen Epoche. Das 'Dunkle Zeitalter' der griechischen Antike ('dark age') ist den Archäologen bis heute ein Rätsel.
Projiziert auf das Jahr 4000 nach Christus könnte folgende Vision Realität werden: (13) 'In 2000 Jahren könnten Altertumsforscher bei Ausgrabungen auf eine Gesellschaft stoßen, die gerade zum Sprung in die Hochtechnik ansetzt. Man schrieb damals das Jahr 2000. Doch merkwürdigerweise finden sich keinerlei Aufzeichnungen über das Wissen der Altvorderen. In den kilometerlangen Regalen einer ausgegrabenen Bücherhalle stehen nur hie und da Folianten aus vortechnischer Zeit, stapeln sich ganze Reihen kleiner Lagerboxen, deren Inhalt selbst mit modernster Technik nicht zu erschließen ist. Auch die offenbar dazu passenden elektronischen Schreib-. Lese- und Archivautomaten bergen keinerlei Daten. ... Es war wohl: eine Gesellschaft ohne Gedächtnis, damals - anno 2000...'
Unter diesen Aspekten sollten zumindest die Archivare und Dokumentare unter ihnen zwei, ja drei- und viermal drüber nachdenken, ob Sie Zettelkästen wirklich wegwerfen, wenn der Bestand digitalisiert ist; ob der Bestand selbst nicht trotzdem in Papier- oder anderer Form weiter im dunklen Keller lagern soll; ob verpönte Mikrofiches auf Filmbasis möglicherweise nicht ein dauerhafterer Datenträger ins nächste Jahrhundert sind als CDs, ganz zu schweigen von Disketten, die sich idealerweise als kurzfristiger Datenvernichter bewähren.
Fassen wir als Ergebnis dieser Betrachtung mit der Schlagzeilen-Sprache der Wochenzeitung 'Die ZEIT' zusammen: 'Von wegen Infozeitalter: Je neuer die Medien, desto kürzer ihre Lebenserwartung. Die digitale Katastrophe vollzieht sich fast unbemerkbar. Wertvolle Schriften und Daten sind bald unrettbar verloren. Die digitale Speicherung ist jedoch kein Ausweg, im Gegenteil: Sie beschleunigt den Prozess.'
3
Damit zum letzten und dritten Kapitel meiner Überlegungen. Wohin steuert unsere Datenwelt? In welcher Form liegen künftig überhaupt Daten vor? Wie speichern wir sie? Wem sind die gespeicherten Daten zugänglich? Wem nutzen sie? Ich möchte diesen Fragenkatalog generalisierend zusammenfassen unter dem Leitgedanken: Wo müssen wir hin - und wohin nicht?
Wer sich mit diesem Fragenkomplex befasst, landet zwangsläufig im Internet. Dort findet seit Frühjahr 2000 unter den namhaftesten Wissenschaftlern des Erdballs eine aufregende Diskussion statt, die sich neuerdings auch zunehmend in Fachartikeln der WELT, der FAZ, der Süddeutschen Zeitung und anderer Blätter niederschlägt.
Braucht uns die Zukunft?
Ausgelöst hat die Diskussion eine der Koryphäen des Internets: Bill Joy, Mitbegründer der Computerfirma Sun, heute deren Chefwissenschaftler und zugleich Professor für Informatik und Psychologie. Bill Joy druckte in der April 2000-Ausgabe der weltweit gelesenen Internet-Kultzeitschrift 'WIRED' einen sensationellen Artikel. Die Überschrift 'Why the Future doesn´t need us' - Warum uns die Zukunft nicht braucht - versetzte die gesamte Netzwelt in Aufregung. Im Internetangebot von WIRED übrigens lässt sich dieser Artikel noch nachlesen(14). Es ist eine einzige Tirade gegen den unkontrollierten wissenschaftlichen Fortschritt. Darin beschwört Bill Joy die drohende Selbstvernichtung der Menschheit durch schwarze digitale Magie. Seine Kernaussage lautet: 'Wir haben Gott durch die Wissenschaft ersetzt.'
Joy bezieht dies auf die Gesamtentwicklung aller vier entscheidenden Techniken der Erdballs: Atomtechnik, Gen-, Nano- und Computertechnologie. Nun ist Bill Joys fachliche Reputation in der Fachszene erhaben über alle persönliche Kritik. Er ist weder Spinner noch konservativer Kleingeist oder gar vielleicht religiöser Fanatiker. Im Gegenteil. WIRED-Chefredakteurin Katrina Heron bezeichnet ihn in einem Essay der letzten Juli-Ausgabe als 'a pioneer of the Internet, godfather of Unix, architect of software systems such as Java and Jini' (15).
In der Tat ist Bill Joy Vater der heute professionellsten Betriebssysteme und Softwareumgebungen. Die von Java abgeleitete Software Jini beispielsweise ist jene Basis, auf der künftig Haushaltsgeräte, Computer, Autos usw. miteinander vernetzt werden sollen. Joy weiß also, wovon er spricht.
Seit Veröffentlichung dieses Mahnartikels läuft bei www.WIRED.com ein eigens eingerichtetes Diskussionsforum zu der von Joy angestoßenen Zeitkritik über. Die namhaftesten Geister der Wissenschaft, der Computertechnologie, der Atomphysik und der Gentechnik melden sich aus aller Welt zu Wort. Dazu diskutieren Politiker, Kulturphilosophen, Erkenntnistheoretiker und Theologen. Noch im Frühjahr 2000 nahm die Tageszeitung die WELT(16) die deutsche Diskussion auf. FAZ, Süddeutsche Zeitung, Die ZEIT und viele andere stiegen ein. Seitdem hält die Diskussion an. (17)
Die Diskussion gewann zusätzlich Fahrt, nachdem am 1. April 2000 die eingangs meines Vortrags genannte Veranstaltung an der Stanford-University stattgefunden hatte mit der Generalüberschrift: 'Werden spirituelle Roboter im Jahr 2010 die Menschheit ersetzt haben?' Geleitet wurde die Diskussion von dem Erkenntnistheoretiker Douglas Hofstadter, Autor des Kultbuches 'Gödel, Escher, Bach'. Die Rednerliste der Redner war hochkarätig besetzt: Bill Joy, Sun-Chefwissenschaftler und Professor für Informatik und Psychologie; der High-Tech-Erfinder und Visionär Ray Kurzweil, Inhaber Dutzender bahnbrechender Patente; Hans Moravec (18), Begründer des Robotic-Instituts der Carnegie-Mellon-Universität und frühester Propagandist einer postbiologischen Zivilisation. Der deutschgebürtige Moravec hatte schon 1988 in seinem Buch 'Mind Children' vom Niedergang der Menschheit als Gattung gesprochen. Vergangenes Jahr legte er im neuesten Buch 'Robot: Mere Machine to Transcendent Mind' ein vernichtendes Urteil über den Homo sapiens ab. Er nennt ihn den 'kleingeistigen biologischen Eingeborenen des Planeten Erde' mit wenig Bewahrenswertem: 'Man nehme nur die Form des menschlichen Körpers. Er ist eindeutig nicht für den Wissenschaftler gemacht. Die geistige Kapazität ist extrem limitiert. Und man lebt gerade lang genug, das man anfangen kann herauszubekommen, wie die Dinge funktionieren, bevor das Gehirn zu verkalken beginnt. Dann stirbt man.'
Moravec betrachtet die Sache kompromisslos: Die Entwicklung des menschlichen Gehirns sieht er an der biologischen Grenze angelangt. Computerintelligenz dagegen werde alle denkbaren Grenzen überspringen. Daraus resultiert Moravecs Schlussfolgerung: die Umwandlung des unzulänglichen biologischen Lebens in eine bessere digitale Lebensform stehe direkt bevor. Er sagt: 'Wir werden alle zu Robotern. Es ist so unvermeidlich wie wünschenswert. Die Evolution ist wichtiger als wir. Wir sind lediglich Teile im großen Ganzen.'
Von der unaufhaltsamen Ablösung des homo sapiens als Krone der Schöpfung geht auch Ray Kurzweil (19) aus, dessen Buch 'The Age of Spiritual Machines' (20) der Veranstaltung an der Stanford-University die rhetorische Frage vorgegeben hatte. Kurzweil prophezeit, dass Computer bald die Menschheit an Intelligenz überholt haben werden. 2019 werde man ein Rechengehirn mit der Kapazität des menschlichen Gehirns zum Preis eines durchschnittlichen PCs kaufen können.
In Verbindung mit entwickelten Scan-Techniken, die unsere Gehirne Atom für Atom erfassen, wird dann möglich werden, was Kurzweil 'reinstantiation' nennt: das Umspeichern biologischer Gehirne auf andere, angeblich dauerhafte Medien, gleichsam die Befreiung unserer Existenz aus dem tödlichen Gefängnis verderblicher Wetware.
Ralph Merkle, Miterfinder der Public-key-Kryptographie und Nanologe am Xerox Park in Palo Alto, stimmt einer solchen neuen Datensicht zu: 'Gehirne sind materielle Objekte, sie unterliegen den Gesetzen der Physik. Diese Gesetze können in jedem Computer simuliert werden. Also kann auch das, was in Deinem Gehirn geschieht, wenn wir die Prozesse nur genau analysieren können, in einem Computer simuliert werden.'
Freilich, was Männer wie Kurzweil und Moravec begeistert, erfüllt andere mit ungeheuerem Schrecken. Für sie sprach in der Stanforder Veranstaltung vergangenen April Bill Joy. Seine Warnungen aber stoßen in der Zeitgeistszene der florierenden High-Tech-Enklaven an der amerikanischen Weltküste auf taube Ohren. Hier badet man sich, wie die ZEIT formulierte, 'in Optimismus und Technikbegeisterung'. Die Mainplayer der gegenwärtigen Diskussion erleben es ja selbst und gestalten dieses Szenario mit: Mit jedem Tag wird zur Computerrealität, was gestern noch Science-Fiction war. (21)
Vordenker einer solchen Selbstevolutionierung unserer Spezies zu erst trans-, dann posthumanen Wesen sind seit Ende der 80er Jahre die Extropianer. Begründet hat den lockeren Zusammenschluss von Digeratis, von High-Tech-Denkern und -Praktikern der Philosoph Max More (22). 'Die Humanität, das Menschsein, ist nur eine Durchgangsphase auf dem Pfad der Evolution', sagt er. 'Wir sind nicht der endgültige Höhepunkt in der Entwicklung der Natur. Es wird Zeit, dass wir unser Schicksal in die eigene Hand nehmen und unser Fortschreiten in die Transhumanität beschleunigen.' Angeregt wurde More zu diesem Gedanken nicht zuletzt durch Nietzsche-Lektüren. 'Ich lehre euch den Übermenschen', ließ er vor 120 Jahren Zarathustra zum Volk sprechen. 'Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, um ihn zu überwinden?'
Neben Hans Moravec und Ralph Merkle beteiligt sich an dieser Diskussion regelmäßig auch Marvin Minsky, der 'Vater der künstlichen Intelligenz', zweifacher Lehrstuhlinhaber (Professor für Informatik und Elektrotechnik sowie für Medienwissenschaft) am Media Lab des MIT. 'All diese Extropianer plädieren ... für eine 'Neue Aufklärung'. Sie müsste das Bewusstsein und intelligente Know-how zur Digitalen Revolution produzieren. Im Zentrum stehe die Notwendigkeit, an die überfällige Verlängerung intelligenten Lebens zu denken.'
Die Überwindung des Altersprozesses und das Ende des unfreiwilligen Sterbens, sagt Max More, 'sind die wichtigsten und lohnendsten Aufgabe unserer Zeit. Der Tod ist nichts Gutes, kein normaler Bestandteil des Lebens. Der Tod ist eine Krankheit, er zerstört uns gerade, wenn wir zu reifen beginnen.'
Der Nanologe Eric Drexler ('Engines Of Creation'), Leiter der Foresight Institute, nennt unsere Epoche deshalb eine Zeit, die man 'bald für eine bizarre Fantasy-Welt halten wird, in der Millionen Menschen, deren Körper nicht mehr perfekt funktionieren, deren Gehirne aber wertvolle Informationen und Erkenntnisse bergeben, einfach weggeschmissen werden - vergraben oder verbrannt, als wären sie nichts mehr wert.'
Erst der evolutionäre Sprung in die Posthumanität könnte dieser Verschwendung intellektueller und kultureller Ressourcen ein Ende machen: durch die Geburt einer neuen, höheren Intelligenz - reine Informationswesen, Infomorphs, die sich in physische Speicher herunterladen lassen, je nach individuellem Bedarf und Umweltbedingungen in digitale oder biologische. Die Vorteile, die ein solcher Entwicklungsschritt von der analogen zur digitalen Intelligenz im galaktischen Existenzkampf böte, liegen auf der Hand; jedenfalls für Extropianer.
Digitales Bewusstsein ließe sich zu Sicherheitszwecken beliebig oft kopieren, sagt Ralph Merkle. Denkprozesse ließen sich durch Erhöhung der Taktfrequenz beschleunigen. Und die Datensätze ließen sich mischen; mit 'eigenen', längst vergessenen Erfahrungsdaten - etwa dem Inhalt von Tagebüchern oder Adressverzeichnissen, die kein Mensch 'im Kopf' hat -, oder aber mit fremden Datensätzen - Reiseerinnerungen zum Beispiel, die dann so kommerziell angeboten werden könnten wie heute die Pauschalreisen selbst.
An dieser Stelle meldet sich Max More mit der Bemerkung zu Wort, der Übergang vom gegenwärtigen, dem Tod geweihten Menschen zu den Infomorphs werde sich allmählich vollziehen. Immerhin werde man schon in zwei oder drei Jahren in der Lage sein, beschädigte Gehirnteile zu ersetzen. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt, unsere Gedächtnisbanken zu vergrößern und unsere Denkleistungen zu beschleunigen. Stück für Stück werde das Gehirn so durch die Cyber-Äquivalente von PCs, PDAs, Personal Organizern, Datenuhren, Speichern in Funktelefonen oder Pagern und so weiter entlastet werden. Ein Großteil unserer Erinnerungen und unseres Denkens wird sich auf andere Plattformen verlagern. Das Gehirn wird immer unwichtiger werden und am Ende so überflüssig sein wie der Blinddarm heute.
An dieser Stelle ist es Zeit diesen Vortrag zu beenden. Spätestens jetzt wird sich bei manchen Lesern leichter Grusel regen. Ich habe versucht, einen großen philosophisch-technischen Bogen der Datengeschichte zu schlagen: von den 4500 Jahre alten Keilschriften der Sumerer, über die vernichtete einmalige Bibliothek von Alexandria, über die kaputten Filme der 30er Jahre, den ersten Datenworkshop vor zehn Jahren hier in Theuern, über die Problematik der Datensicherung heutiger virtueller Welten und realer Datenbanken - hin zu den abenteuerlichen Zukunftsszenarien in manchen Forschungslabors und Denkstuben der Erde.
Während wir also momentan hier im Rahmen dieser Veranstaltung nachdenken, wie zum Beispiel die elektronische Registratur einer Behörde in Form eines Datenspeichers für die Nachwelt zu überliefern sei, denken andere schon daran nicht nur die Akten, sondern auch die Gedanken und geheimen Entscheidungen der damals Handelnden aus den Gehirnen auszulesen und sie in einem riesigen Datenspeicher abzulegen. Wer dann darüber entscheidet, wer in welchem Umfang auf diese menschlichen Superdaten zugreifen darf, wer damit vielleicht selbst zum Superuser werden würde, ist noch nicht einmal andiskutiert. Ein ungeahntes Fragenszenario bricht an solchen Gedankenmodellen auf.
Nun könnte man einwenden, ein Supercomputer - und auch dann, wenn er das aus sämtlichen Menschengehirnen heruntergeladene Wissen des gesamten Erdballs enthält - ist nur ein Computer. Sein Lebenssaft ist elektrischer Strom. Hoffentlich zieht ihm dann auch niemand das Stromkabel heraus, oder es passiert die Windows-Schutzverletzung Nummer 3xzy57, wenn gerade geloadet wird. Der Mensch dagegen kommt notfalls auch ohne Strom aus. Er kann bei Kerzenschein ganz bequem leben.
Lassen Sie es mich philosophisch betrachten: Vielleicht steht sich bei solchen Plänen doch wieder der Mensch selbst im Weg und beendet wohl dann eher unbeabsichtigt einen solchen Irrflug. Ich denke da ganz fröhlich und entspannt an die Bibliothekare der British Library in London. Diese haben im Sommer 2000 auf Anordnung der Geschäftsleitung 80.000 Bücher einfach weggeworfen. Wegen Platzmangels! Die Verordnung kam direkt von oben. Die Nachricht ging als großer Skandal durch die englische Presse. Es war vorsätzliche Datenvernichtung, beauftragt von Staats wegen - weil der nötige Speicherplatz fehlte. Mitten im Zeitalter der größten Datenspeichermöglichkeiten aller Zeiten! Kurioserweise wurde der Frevel selbst lediglich durch einen köstlichen Umstand gestoppt, der selbst wieder voller Ironie und Dialektik steckt: Man könne derzeit keine weiteren Bücher wegwerfen, hieß es - weil das Personal fehle, um weitere Bücher wegzuwerfen. Ein Pech für die British Library, aber Glück für die Bücher - und die Datenwelt nach uns. (23)
Ehrlich gesagt: das tröstet mich. Denn was lernen wir aus dem Bibliotheksskandal von London?
· Künstliche Intelligenz mag berechenbar sein, aber sie wird immer an gewisse technische Grenzen stoßen.
· Menschliche Dummheit dagegen ist unkalkulierbar und überspringt problemlos alle denkbaren Grenzen!
· Das beruhigt. Und lässt uns die Zukunft doch ganz gelassen angehen...
Anmerkungen
(1)Folgende frühere Vorträge des Autors bei den EDV-Tagen Theuern sind im Internet verfügbar: Multimedia aus Bayern im Internet: Personal mailto:R@dio R@dio und mailto:CollegeR@dio CollegeR@dio: Zwei interessante Pilotprojekte des Bayerischen Rundfunks (1996), unter http://www.bayern.de/HDBG/t96sieg. htm. - Der nächste Schritt: Von der Internet-Datenbank zum Datenrundfunk. Von unstrukturierter Vielfalt zum geordneten Multimedia-Auftritt (1997), unter http://www.bayern.de/HDBG/t97sieg.htm
(2) WELT am Sonntag, 17.9.2000: Big Brother ist Versuchslabor.
(4) IBM-Pressemitteilung vom Juli 2000: IBM´s new http://www.storage.ibm.com/press/hdd/micro/ 20000620.htm 1 GB Microdrive can hold up to 1,000 high-resolution photographs, a thousand 200-page novels, or nearly 18 hours of high-quality digital audio music on a storage unit that is smaller than a matchbox. One of the critical technologies for such high density on a magnetic disk drive is the high-frequency read channel chip that reliably recovers the digital data from the analog readback signal. The 1 GB Microdrive features a new detection and coding scheme that delivers significant performance gains over first-generation microdrives. Generally, the NPML technology developed at Zurich makes it possible for the storage density to be increased by some 30 % compared to that of a hard disk that does not make use of this sophisticated signal-processing technology.'
(5) Matthias Kaiserswerth, 43, grew up in Regensburg, Germany. He received degrees in Computer Science from Erlangen University in Germany and McGill University in Montreal, Canada, and his PhD from Erlangen University in 1987. In 1988, he joined IBM´s Zurich Research Laboratory as a Research Staff Member, participating in a series of research projects in the field of network technology. In 1995, he became manager of a team working on the integration of various networking applications as well as aspects of network security. In 1997, he began concentrating solely on network security while on assignment at IBM Research in the U.S., where in 1998/99 he became manager of the Networks and Security department. He returned to the Zurich Research Laboratory in 1999 and became head of the Computer Science department. His appointment as new laboratory director puts a European back at the helm of the Zurich lab, whose mission as the European branch of IBM Research is to foster relationships with academic and industrial partners throughout Europe, to attract the most talented and promising European research staff, as well as to pursue research in technical areas in which Europe is the global leader. Matthias Kaiserswerth is also active in academia and is an Honorary Professor of applied computer science, network security, and cryptography applications at Erlangen University. Quelle: http://www.zurich.ibm.com
(6) Computerwoche 21.7.2000: Anfang 2001 vier Milliarden Seiten im Web
(8) zitiert nach: Freyermuth, Gundolf S.: Wir werden Gott ersetzen. Digitale Auferstehung: Die Zeit des Homo sapiens läuft ab. Unsere Nachfolger werden alterslos und Sicherheitskopien jederzeit wieder belebbar sein. In: Die Literarische Welt. Beilage der Tageszeitung Die Welt, 22.4.2000.- WELT-Autor Gundolf S. Freyermuth ist Autor von 'Cyberland. Eine Führung durch den High-Tech-Underground'. Er lebt auf einer Ranch in den White Mountains, USA.
(9) Zimmer, Dieter E.: Das große Datensterben. Von wegen Infozeitalter: Je neuer die Medien, desto kürzer ihre Lebenserwartung. Die digitale Katastrophe vollzieht sich fast unbemerkbar. Wertvolle Schriften und Daten sind bald unrettbar verloren. Die digitale Speicherung ist jedoch kein Ausweg, im Gegenteil: Sie beschleunigt den Prozess. In: DIE ZEIT, 18.11.1999 (Nr. 47), S. 4
(10) vgl. dazu auch: Deussen, Niko: Gesellschaft ohne Gedächtnis. Digitale Daten überdauern keine Ewigkeit - was zum Problem der Geschichtsschreiber wird. In: Süddeutsche Zeitung, 4.7.2000
(11) WELT am Sonntag, 10.1.1999: Regalwand für das Internet. Ein Amerikaner versucht, das Internet zu archivieren.
(12) FTD Heintze Roland: Zu viel Information macht krank. Das Burn-out-Syndrom hat viele Ursachen.
(13) beschrieben von Niko Deussen in der Süddeutschen Zeitung, 4.7.2000: Gesellschaft ohne Gedächtnis
(16) Freyermuth, Gundolf S.: Wir werden Gott ersetzen. Digitale Auferstehung: Die Zeit des Homo sapiens läuft ab. Unsere Nachfolger werden alterslos und Sicherheitskopien jederzeit wieder belebbar sein. In: Die Literarische Welt. Beilage der Tageszeitung 'Die Welt', 22.4.2000
(20) deutsch unter dem gegensinnig-absurden Titel: Homo 'mailto:s@piens' s@piens. Leben im 21. Jahrhundert.
(21) Freyermuth, Gundolf S.: Wir werden Gott ersetzen. Digitale Auferstehung: Die Zeit des Homo sapiens läuft ab. Unsere Nachfolger werden alterslos und Sicherheitskopien jederzeit wieder belebbar sein. In: Die Literarische Welt. Beilage der Tageszeitung DIE WELT, 22.4.2000
(23) Müller-Ulrich, Burkhard in: Die WELT, 17.8.2000, Beengte Bibliothekare mit Lust an Zerstörung. Skandal in England: Die British Library hat 80 000 Bücher weggeworfen.